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Duden Allgemeinbildung Deutsche Geschichte: Menschen, Ereignisse, Epochen

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Jahr:
2016
Auflage:
3., aktualisierte Auflage
Verlag:
Bibliograph. Instit. GmbH
Sprache:
german
Seiten:
292
ISBN 13:
9783411740130
Serien:
3411740132
Datei:
PDF, 3,28 MB
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4 comments
 
Jaromitris
Not the 3rd edition but the 2nd from 2013.
17 February 2019 (23:38) 
guozige
Das ist mir echt super, Deutsch zu verbessern.
03 December 2019 (07:58) 
Nora
Error! The 2nd from 2013, not 2016!
24 February 2021 (00:37) 
ayoba yao
j'ai besoin de livre pour téléchargement
31 August 2021 (05:45) 

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A L L G E M E I N B I L D U N G K O M PA K T

Deutsche Geschichte

Deutsche
Geschichte

Mensche n, Ereignis se, Epoc h e n
• übersichtliche Gliederung:
10 Epochen der deutschen Geschichte von der Antike
bis zur Gegenwart
• verständliche Texte:
über 1000 Einträge zu wichtigen Personen,
Ereignissen und Begriffen der deutschen Geschichte
in chronologischer Abfolge
• einprägsame Informationen:
150 Kästen mit Meilensteinen aus Geschichte,
Politik, Kultur, Wirtschaft, Technik und Wissenschaft,
die herausragende Begebenheiten der deutschen
Geschichte in Schlagzeilen lebendig werden lassen

Deutsche Geschichte

A L L G E M E I N B I L D U N G K O M PA K T

ISBN 978-3-411-74012-3
9,99 € (D) • 10,30 € (A)

Me n schen, Ereignisse, Epochen
AB_KOMPAKT_Geschichte_74012-3.indd 1-3

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Duden
allgemeinbildung kompakt

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Duden

Deutsche
Geschichte
Menschen, Ereignisse, Epochen
2., aktualisierte Auflage

Dudenverlag
Mannheim · Zürich

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20.06.2012 15:47:51 Uhr

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind
im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet, dass die in diesem Werk gemachten
Angaben korrekt sind und dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Für im
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Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung
und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, verboten.
© Duden 2013 E D C B A
Bibliographisches Institut GmbH, Dudenstraße 6, 68167 Mannheim
Printed in Germany
ISBN 978-3-411-74012-3
Auch als E-Book erhältlich unter:
ISBN 978-3-411-90453-2
Redaktionelle Leitung Jürgen Hotz M.A.
Redaktion Dirk Michel M.A., Julia Prus M.A.
Autoren Dr. Alexander Emmerich, Dr. Kay Peter Jankrift, Bernd Kockerols,
­Wolfdietrich Müller
Herstellung Judith Diemer
Layout Horst Bachmann
Umschlaggestaltung glas-ag, Seeheim-Jugenheim
Umschlagabbildungen © XtravaganT – Fotolia.com
Satz Bibliographisches Institut GmbH, Mannheim
Druck und Bindung CPI books GmbH, Birkstraße 10, 25917 Leck
www.duden.de

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Inhalt

Wo die »Deutschen« herkommen
Antike und frühes Mittelalter
2. Jh. v. Chr. –919  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

7

Im Schatten von Burgen und Kathedralen
Hohes und spätes Mittelalter
919  –1495  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
Luther und die Folgen
Konfessionelles Zeitalter
1495  –1648  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63
Preußen und Habsburger im Widerstreit
Ancien Régime
1648  –1815  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99
Bürger auf den Barrikaden
Restauration und Revolution
1815  –1871  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
Nation von oben
Kaiserreich
1871 –1918  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
Deutschlands erste Demokratie
Weimarer Republik
1918  –1933  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201

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Diktatur unter dem Hakenkreuz
Nationalsozialismus
1933  –19 45  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
Zwei Staaten unter Vorbehalt
Bonner Republik und Deutsche
Demokratische Republik
1945  –1990  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 245
Überwundene Teilung
Berliner Republik
seit 1990 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 281

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2. Jh.
Wo die »Deutschen« herkommen
Antike und frühes Mittelalter

v. Chr.

2. Jh. v. Chr. –  919

Mit dem Untergang des Imperium Romanum entwickelten sich germanische
Königreiche im Zentrum
Europas. Geprägt waren sie
von ihrem römischen Erbe.

919

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2. Jh. v. Chr.–919

8

Das römische Germanien
113–101 Mit dem Marsch der Kimbern und Teutonen werden die Ereigv. Chr. nisse im Gebiet des späteren Deutschen Reichs in den Schriftquellen historisch fassbar. Auf ihrem Weg in Richtung Mittelmeer schlagen die wandernden Germanen bei Noreia, nördlich
des heutigen Klagenfurt in Kärnten, zwei römische Legionen.
Schließlich vernichten die Römer mit einem riesigen Heer unter
Führung von Marius und Catulus die Kimbern, die über die Alpen in die Poebene eingedrungen waren. Doch auch in den folgenden Jahrzehnten reißt die Bedrohung des Römischen Reiches durch die Invasion aus dem Norden nicht ab.
		
58–51 Als eine große Anzahl von Germanen unter Führung des Ariovist
v. Chr. den Rhein nach Westen überquert, um dort sesshaft zu werden,
beauftragt der römische Senat den Feldherrn Gaius Iulius Caesar
mit der Eroberung Galliens; diese beschreibt er selbst in seinem
Werk »Der Gallische Krieg« (»De bello Gallico«). Mehrfach setzt
Caesar zu Strafexpeditionen auf rechtsrheinisches Gebiet über.
Außerdem unternimmt er zwei Feldzüge nach Britannien.
		
16
v. Chr. Die Römer gründen an der Mosel Augusta Treverorum, das heutige Trier, das – gefolgt von dem zunächst als Militärlager eingerichteten Augusta Vindelicorum (Augsburg) – als älteste Stadt
Deutschlands gilt.
12–9 Da sich Kaiser Augustus zur Eindämmung militärischer Bedro		
v. Chr. hung dazu entschließt, das Römische Reich über den Rhein hinweg nach Germanien auszudehnen, betraut er seinen Stiefsohn
Drusus mit der Eroberung des »freien Germanien«. Unterstützt
von der römischen Flotte, die über die großen Flüsse bis ins
­Landesinnere vordringt, gelingt es Drusus, die germanischen
Stämme bis zur Elbe zu unterwerfen.
8 v. Chr. Tiberius führt die Germanenkriege fort, nachdem sein Bruder
Dru­sus an den Folgen eines Reitunfalls gestorben war. Obwohl

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Wo die »Deutschen« herkommen

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er mit mehreren Stämmen Verträge abschließen kann, bleibt
Germanien in der Folgezeit stets ein unruhiges Gebiet.
M ei l e n ste in

9 n. Chr.

Römisches Trauma, germanischer Triumph
Im Herbst »Varus, gib mir meine Legionen wieder!«, soll Kaiser
Augustus den Ausführungen Suetons zufolge gerufen haben, als
ihn die Nachricht der verheerenden Niederlage im Teutoburger
Wald erreichte. Publius Quinctilius Varus war mit drei Legionen auf
dem Weg von Minden an der Weser ins Winterlager nach Haltern.
Der in römischen Diensten stehende Cherusker Arminius lockte
diese durch die fingierte Meldung über einen germanischen Stam­
mesaufstand in einen Hinterhalt. Als sich Varus entschloss, von
seiner Marschroute abzuweichen, um die vermeintlichen Unruhen
im Keim zu ersticken, schnappte die Falle zu. In den unwegsamen
Wäldern und Sümpfen – möglicherweise bei Kalkriese, nahe Osna­
brück – griffen die Germanen die rund 25 km lange Kolonne aus
dem Hinterhalt an. Die XVII., XVIII. und XIX. Legion, begleitet von
ihren Familienangehörigen mitsamt Gepäckzug, wurden vollstän­
dig vernichtet. Fortan bildeten Rhein und Donau die »Grenzen« des
gewaltigen Imperium Romanum. Züge römischer Militärverbände
nach Germanien – in einem solchen Zusammenhang fand wohl im
frühen 3. Jh. n. Chr. am Harzhorn bei Kalefeld eine Schlacht zwi­
schen Germanen und Römern statt – schloss dies aber ebenso­
wenig aus wie Einfälle der »Barbaren« in die wohlhabenden römi­
schen Provinzen.

um 90 Nachdem es den Römern schließlich gelingt, ihre Position jenseits
des Mittel- und Oberrheins wie auch der oberen Donau weiter
auf germanisches Gebiet zu verschieben, beginnen sie durch den
Bau einer großen, im Lauf der Zeit immer weiter verbesserten
Anlage zur Kontrolle und Absicherung der Grenze. Ihr Herzstück, der mit Wachtürmen und Kastellen ausgestattete Obergermanisch-Rätische Limes, verläuft auf einer Länge von etwa

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2. Jh. v. Chr.–919

10

550 Kilometern zwischen Bad Hönningen am Rhein und Castra
Regina, dem heutigen Regensburg, an der Donau.
98 Der Geschichtsschreiber Tacitus verfasst mit der »Germania«
(»De origine et situ Germanorum«) das wichtigste literarische
Dokument über die Germanen, die – ­so die Kelten und nach ihnen Caesar – rechtsrheinischen Völkerschaften. In der einzigen
aus der römischen Literatur bekannten länderkundlichen Monografie schildert Tacitus die Herkunft der Germanen, beschreibt ihr Land und ihre Stämme, ihr Heerwesen, ihre Religion,
ihre Sitten und Gebräuche. Im 15. Jh. in einer Abschrift im Kloster Hersfeld wiederentdeckt, entwickelt sich die »Germania« zu
einem Kristallisationspunkt »deutscher« Identitätsfindung.
166/167 Mit den Markomannenkriegen, zu deren Beginn verschiedene
bis 180 germanische Stämme die Grenze zum Römischen Reich an der
Donau durchbrechen und bis zur Adria vorstoßen, spitzt sich
die Bedrohung des Imperiums zu.
M ei l e n ste in

259/260

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Ansturm der »Barbaren«
Der Limes, das Grenzbollwerk aus Palisaden, 900 Wachtürmen
und 60 Kastellen, konnte dem Ansturm der germanischen Stam­
mesverbände nicht länger standhalten. Aus den vierzig Stämmen,
die Tacitus in seinem Werk »Germania« aufzählte, hatten sich bis
zum 3. Jh. neue Großstämme entwickelt. Erstmals nannten die
Geschichtsschreiber nun den Namen der Alemannen, die den
Obergermanisch-Rätischen Limes durchbrachen und sich im De­
kumatenland niederließen. Bereits drei Jahrzehnte zuvor sollen
sie Kastelle und Siedlungen entlang dem Limes zerstört haben,
darunter auch die Saalburg bei Bad Homburg. Archäologische
Befunde zeugen bis heute vom Ansturm germanischer Stämme
auf den Limes. Ein Altarstein für die römische Siegesgöttin Victo­
ria, der 1992 bei Grabungen in Augsburg freigelegt wurde, erin­
nert an den angeblichen Sieg über die Semnonen oder Juthun­
gen. Seiner Schutzfunktion beraubt, gaben die Römer die Grenz­
anlage nach den Alemanneneinfällen (259/260) endgültig auf.

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Wo die »Deutschen« herkommen

284 Diocletian wird zum Kaiser erhoben. Zu den einschneidendsten
Reformen Diocletians gehört die Neuordnung kaiserlicher Herrschaft durch Einführung der Tetrarchie: Das Großreich wird in
eine westliche und eine östliche Hälfte unter vier Herrschern
(zwei »Augusti« sowie zwei »Caesares« als Unterregenten) aufgeteilt. Nach einem Orakelspruch beginnt Diocletian mit der Bedrückung und Verfolgung von Christen.
306–312 Nachdem Trier von seinem Vater Constantius I. zur kaiserlichen Residenz erhoben worden ist, residiert auch der spätere Kaiser Konstantin I., der Große, in der Stadt. Die Metropole an der Mosel erlebt
eine wirtschaftliche und kulturelle Hochblüte. Mit geschätzten
80 000 Einwohnern ist sie die größte Stadt nördlich der Alpen,
auch »Rom des Nordens« genannt. Die unter Konstantin als
­Palastaula erbaute »Basilika« zeugt bis heute von diesem Glanz.
312 Durch den Sieg in der Schlacht an der Milvischen Brücke über seinen Rivalen Maxentius wird Konstantin I. zum Augustus der
westlichen Reichshälfte. Dem Bericht des Bischofs Eusebius von
Caesarea zufolge hatte Konstantin in der Nacht vor der Konfrontation ein flammendes Kreuz mit den griechischen Worten »in
diesem Zeichen wirst du siegen« am Himmel gesehen. In der Folgezeit wird das Christentum durch den Kaiser stark gefördert.
324 Konstantin I. erringt nach zahlreichen Bürgerkriegen die Alleinherrschaft über das römische Großreich. Kultureller und wirtschaftlicher Mittelpunkt wird wenige Jahre später die neue
Hauptstadt Konstantinopel, das heutige Istanbul.
336 Der von Eusebius von Caesarea als »Bischof der Christen im Land
der Goten« eingesetzte Wulfila wird in seinem Volk zum Wegbereiter der christlichen Lehre. Hierzu übersetzt er die Bibel aus
dem Griechischen ins Gotische, wofür er eigens ein gotisches Alphabet erfindet. Die älteste, in Teilen erhaltene Abschrift des
Textes ist der in Silber- und Goldschrift auf purpurnem Pergament verfasste »Codex Argenteus«, das »Silberbuch«, aus dem
frühen 6. Jahrhundert.

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2. Jh. v. Chr.–919

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Das Zeitalter der Völkerwanderung
M ei l e n ste in

375

Der Schrecken aus der Steppe
Die Hunnen, Reiternomaden aus dem Norden Chinas oder der
Mongolei, drangen auf dem Rücken ihrer kleinen Pferde massen­
haft durch die Kaspische Senke nach Westen vor. Nachdem sie
zunächst auf die Alanen gestoßen waren, hatten sie das wohlha­
bende Reich der Ostgoten in Südrussland und der Ukraine über­
rannt. Das plötzliche Auftauchen der fremdartigen, mit Reflexbo­
gen bewaffneten Krieger rief bei den Zeitgenossen blankes Ent­
setzen hervor. Dem Bericht des griechischen Historiografen
Zosimos zufolge wurden die Ostgoten von den Hunnen mit einem
todbringenden Pfeilhagel überschüttet. Als der greise Ostgoten­
könig Ermanerich das Blutbad sah, soll er sich selbst getötet ha­
ben. Zwar unterwarfen sich die meisten Ostgoten den neuen
Herrschern, doch hatte die hunnische Invasion zugleich eine ge­
waltige Massenflucht zur Folge. Diese setzte in einer Art Domino­
effekt die große Völkerwanderung in Gang, die für manche Histo­
riker den Beginn des Frühmittelalters markiert.

378 Auf der Flucht vor den Hunnen bewegen sich Westgoten, versprengte Ostgoten und Alanen auf die Grenze des Römischen
Reiches an der Donau zu. In der Schlacht bei Adrianopel in der
heutigen Türkei unterliegt das römische Heer, Kaiser Valens
fällt in der Schlacht. In der Folge schließt Kaiser Theodosius I. einen Vertrag (»foedus«) mit den Westgoten, die sich als erste
barbarische Völkerschaft ungeteilt auf römischem Reichsgebiet
ansiedeln dürfen.
391 Ein Edikt des Kaisers Theodosius I. verbietet die Ausübung aller
heidnischen Kulte im Römischen Reich. Das Christentum wird
zur alleinigen Staatsreligion erhoben.
407 Die Wandalen aus dem Theißgebiet, die sich mit Sweben und Alanen kurz vor der Jahrhundertwende zur Wanderung nach Wes-

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Wo die »Deutschen« herkommen
ten zusammenschließen, überqueren den Rhein nach Gallien.
Dabei stoßen die wandernden Germanen nur auf geringen Widerstand der Römer, deren Kräfte bei der Abwehr eines Goteneinfalls in Italien gebunden sind. In Gallien eine Spur der Verwüstung hinterlassend, ziehen die Wandalen, Sweben und Alanen auf die Iberische Halbinsel weiter.
Unter Führung des Alarich erobern die Westgoten Rom, das drei
Tage lang geplündert wird. Wenige Monate später stirbt Alarich
und wird der Überlieferung zufolge im trockengelegten Flussbett des Busentos bestattet.
Die Westgoten siedeln sich als Föderaten im Südwesten Galliens
an und machen Toulouse zu ihrer Hauptstadt.
Der weströmische Heermeister Flavius Aetius vernichtet mit seinen hunnischen Kriegern das kurzlebige Burgunderreich am linken Mittelrhein mit seiner Hauptstadt Worms – dessen Untergang bildet den historischen Kern des »Nibelungenlieds«.
Als der Hunnenkönig Attila neben Tributzahlungen die Ehe mit
Honoria, der Schwester des weströmischen Kaisers, anstrebt
und als Mitgift die Hälfte des Weströmischen Reiches verlangt,
verweigert sich Valentinian III. diesen Forderungen. Daraufhin
überqueren die Hunnen mit ihren germanischen Verbündeten,
darunter v. a. Ostgoten, den Rhein und dringen plündernd in
Gallien ein. Auf den Katalaunischen Feldern, gelegen zwischen
Troyes und Châlons-en-Champagne, trifft Attila auf die Streitmacht des weströmischen Heermeisters Flavius Aetius. An seiner Seite stehen Westgoten, Franken, Bretonen und Burgunder
sowie andere, als Föderaten in Gallien lebende Völker. Auf beiden Seiten gibt es hohe Verluste, doch bringt die Schlacht keine
eindeutige Entscheidung.
Attila, den der Bischof Isidor von Sevilla später als »Geißel Gottes« bezeichnet, stirbt in einer seiner Hochzeitsnächte an einem
Blutsturz. Kurz darauf ziehen die Hunnen gen Osten ab. Die
hunnische Herrschaft findet damit ihr Ende.

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2. Jh. v. Chr.–919

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466 Unter der Herrschaft des westgotischen Königs Eurich oder seines Sohnes Alarich II. werden Gesetze schriftlich niedergelegt.
Der »Codex Euricianus«, das älteste der überlieferten Germanenrechte, entsteht wahrscheinlich in Erweiterung früherer erbund vermögensrechtlicher Bestimmungen. Im späten 7. Jh. wird
er zur »Lex Visigothorum« überarbeitet.
476 Der Heermeister Odoaker setzt den letzten weströmischen Kaiser,
Romulus Augustulus, ab und wird von seinen Kriegern zum König erhoben.
482 Chlodwig folgt seinem Vater Childerich, einem fränkischen Kleinkönig, auf den Thron in Tournai nach. Damit obliegt ihm zugleich die Verwaltung der römischen Provinz Belgica Secunda,
die im Süden jedoch teilweise zum Herrschaftsbereich des weströmischen Heermeisters Syagrius gehört.
486/487 Durch den Tod des westgotischen Königs Eurich entsteht ein
Machtvakuum, das Chlodwig und den mit ihm verbündeten
fränkischen Großen die Grundlage bietet, gegen Syagrius ins
Feld zu ziehen. Der römische Heermeister wird in der Schlacht
bei Soissons vernichtend geschlagen und flieht zu den Westgoten. Diese liefern den Flüchtling jedoch an Chlodwig aus, der
Syagrius heimlich ermorden lässt.
488 Der oströmische Kaiser Zenon entsendet Theoderich den Großen,
König der Ostgoten, nach Italien, um den Usurpator Odoaker zu
beseitigen.
493 Nach vierjährigem Kampf vermittelt der Bischof von Ravenna einen Vertrag zwischen Odoaker und Theoderich, der eine gemeinsame Herrschaft der Kontrahenten vorsieht. Nachdem
Theoderich zum Schein auf das Angebot eingeht, ersticht er
Odoaker wenige Tage später eigenhändig bei einem Gastmahl.
Theoderich begründet in der Folge das Ostgotische Reich in Italien mit der Hauptstadt Ravenna, das vom oströmischen Kaiser
schließlich anerkannt wird.

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Wo die »Deutschen« herkommen

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M ei l e n ste in

498

Königstaufe in Reims
Die Schlacht der Franken gegen die Alemannen nahe Tolbiacum,
dem heutigen Zülpich, stand auf der Kippe, als der fränkische
König Chlodwig dem Bericht des Bischofs Gregor von Tours zu­
folge den Christengott um Hilfe anrief. Demnach gelobte Chlod­
wig, im Fall eines Sieges den christlichen Glauben anzunehmen.
Nach siegreicher Schlacht erzählte er seiner Gattin Chrodechilde,
einer christlichen Burgunderin, von seinem Gelübde. Chrode­
childe wandte sich daraufhin an Bischof Remigius von Reims, ih­
ren langjährigen Beichtvater, der alles Nötige für eine Taufe vor­
bereiten sollte. Wann genau Chlodwig sich taufen ließ – ob be­
reits 496, 498 oder doch erst 508 – ist durch die historische
Forschung bis heute nicht eindeutig geklärt. Fest steht hingegen,
dass die katholische Taufe des Königs, dessen Beispiel angeblich
Tausende von Franken folgten, eine politische Signalwirkung für
das eigene Volk wie auch die Nachbarn besaß, die arianische
Christen waren. Sie stabilisierte Chlodwigs Herrschaft und er­
leichterte das Zusammenleben von Germanen und Romanen im
wachsenden Frankenreich.

507 Mit dem Sieg über den westgotischen König Alarich II. in der
Schlacht bei Vouillé, nordwestlich von Poitiers, gelingt Chlodwig ein entscheidender Schritt auf seinem Weg zur Schaffung eines fränkischen Großreichs auf gallischem Boden. Während der
Frankenkönig das westgotische Herrschaftsgebiet im Westen
Galliens erobert, ziehen sich die Westgoten auf die Iberische
Halbinsel zurück. Dort begründen sie ein neues Reich, dessen
Hauptstadt Toledo wird.
511 Als Chlodwig stirbt, erstreckt sich das fränkische Reich vom Rhein
bis zu den Pyrenäen und vom Atlantik bis zur Provence. Gemäß
fränkischem Erbrecht wird es nun unter seinen Söhnen aufgeteilt.

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2. Jh. v. Chr.–919

16

526 Der ostgotische König Theoderich stirbt in Ravenna, das sich unter seiner Herrschaft zu hoher kultureller Blüte aufgeschwungen
hat.
um 529 Benedikt von Nursia gründet auf dem Monte Cassino eine klösterliche Gemeinschaft und verleiht ihr eine Regel. Die Benediktsregel wird in der Folgezeit zu einer wichtigen geistigen Grundlage
des westlichen Mönchtums.
587 Im Vertrag von Andelot zwischen Guntram und seinem Neffen
Childebert erscheinen zum ersten Mal die Begriffe Austrien/
Austrasien (»Ostreich«) und Neustrien (»neues Land im Westen«) als Bezeichnungen für die fränkischen Teilreiche.
639 Durch die Beisetzung des Merowingerkönigs Dagobert I. in der
Kirche von Saint-Denis bei Paris wird die Tradition der Königs­
grablege in dem Gotteshaus für das Frankenreich begründet.
M ei l e n ste in

719

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»Apostel der Deutschen«
Spät berufen war der Angelsachse Winfried, der die Friesenmission
zu Beginn des 8. Jh. maßgeblich vorantrieb. Im Alter von 40 Jahren
hatte er sich entschlossen, seiner insularen Heimat den Rücken zu
kehren und sich nach Utrecht zu begeben. Sein Landsmann Willi­
brord aus Northumbrien hatte die Stadt nach ihrer Eroberung von
den Friesen zum Bischofssitz ausgestaltet und ein Kloster gegrün­
det. Von Papst Gregor offiziell zur Mission in Germanien entsandt
und mit dem Beinamen »Bonifatius« als Zeichen seiner Zugehörig­
keit zum Heiligen Stuhl versehen, verlieh Winfried der Missionie­
rung der Völker nördlich und östlich des Rheins neuen Auftrieb. Mit
der Fällung der Donareiche in Geismar, einer heidnischen Kult­
stätte, machte der inzwischen zum Bischof geweihte Winfried sei­
nen Missionseifer deutlich. Später vom Papst zum Legaten Germa­
niens eingesetzt und somit zum Stellvertreter des Heiligen Vaters
im Missionsgebiet aufgestiegen, sorgte sich der »Apostel der Deut­
schen« um die Errichtung neuer Bistümer und die Anwerbung
­weiterer Missionare. Auf einer Missionsreise zu den Friesen wurde
er 754 bei Dokkum erschlagen; sein Grab liegt in Fulda.

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17

Wo die »Deutschen« herkommen

732 Nachdem sich die muslimische Herrschaft auf der Iberischen
Halbinsel etabliert hat, unternehmen die Araber und Berber
Kriegszüge jenseits der Pyrenäen. Der fränkische Hausmeier
Karl Martell schlägt die Invasoren in der Schlacht bei Tours und
Poitiers und verhindert so deren weitere Expansion in Europa.
737 Obwohl Karl Martell de facto über das Frankenreich herrscht,
nimmt er nach dem Tod des Merowingerkönigs Theuderich IV.
nicht den Königstitel an. Allerdings teilt er gemäß fränkischem
Erbrecht bei seinem Tod das Frankenreich unter seinen Söhnen
Pippin III., dem Jüngeren, und Karlmann auf. Wie die Merowingerkönige verfügt Karl Martell Saint-Denis als den Ort seiner
Grablege.
747 Als Karlmann ins Kloster eintritt, wird Pippin III. als Hausmeier
Alleinherrscher über das Frankenreich.
751 Die Langobarden erobern Ravenna und erweitern damit ihr Reich
beträchtlich. Angesichts der Bedrohung ersucht der Papst den
Franken Pippin III. um Hilfe.
Pippin erwirkt nach Beratungen mit den Großen des Reichs die
Absetzung des letzten Merowingerkönigs Childerich III. Childerich wird geschoren und in ein Kloster verbannt. Pippin übernimmt daraufhin die Königsherrschaft und begründet so die Linie der Karolinger.
754 Papst Stephan II., der Pippins III. Unterstützung in der Auseinandersetzung mit den Langobarden bedarf, salbt den Franken zusammen mit seinen Söhnen Karl und Karlmann. Die »Pippinsche Schenkung« legt den Grundstein für den Kirchenstaat. Pippin verspricht dem Papst urkundlich die Übertragung der von
den Langobarden eroberten Gebiete in Mittelitalien (Dukat von
Rom, Exarchat von Ravenna, Pentapolis).
768 Karl I., der Große, und sein Bruder Karlmann treten nach dem Tod
Pippins III. gemeinsam die Nachfolge ihres Vaters an. Durch
Karlmanns frühen Tod wird Karl 771 zum Alleinherrscher.

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2. Jh. v. Chr.–919

18

In einem Schriftstück Karls des Großen erscheint erstmals das
vom germanischen Substantiv »thiot« (»Volk«) abgeleitete
Wort »theodiscus«: Auf die Sprache bezogen (»theodisca lingua«), bezeichnet es die fränkische Volkssprache (im Unterschied zum romanischen Latein). Die im ostfränkischen Raum
entstandene althochdeutsche Form »diutisk« verdrängt in der
Folge das mittellateinische »theodiscus«; sie entwickelt sich zur
Sammelbezeichnung der Stammessprachen im Ostfränkischen
Reich und damit zum Vorläufer der heutigen Form »deutsch«.
Das »Annolied« (um 1080) verwendet dann die Bezeichnung
erstmals für die Träger der Sprache, die »Deutschen«.
772 Die Eroberung der Eresburg und die Zerstörung der Irminsul, des
heiligen Baumes, markieren den Beginn der zermürbenden
Sachsenkriege.
773 Papst Hadrian I. empfängt Karl den Großen in Rom, nachdem der
fränkische Herrscher nach Italien gezogen ist und Pavia belagert. Karl gelingt es, das Langobardenreich zu unterwerfen. Nun
schmückt er sich mit dem Titel »König der Franken und Langobarden«. Wenig später bestätigt er die »Pippinsche Schenkung«
und sichert dem Kirchenstaat seinen Schutz zu.
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Das harte Los der Sachsen
Die Todesstrafe sah die »Capitulatio de partibus Saxoniae«, das
unstrittig härteste Gesetz im Umgang der Franken mit den unter­
legenen Sachsen zu Lebzeiten Karls des Großen, für jeden vor,
der die christliche Religion und ihre Priester beleidigte. Hinzu­
richten war auch derjenige, der das Fastengebot am Freitag nicht
einhielt. Mit aller Härte versuchte der fränkische König die Sach­
sen in die Knie zu zwingen und jegliche religiöse wie politische
Opposition im Keim zu ersticken. Mit der »Capitulatio« schließt
sich der Kreis zu den Ausführungen der Reichsannalen. Ihr Ver­
fasser betonte, dass der Krieg gegen die Sachsen so geführt wer­
den müsse, dass diese entweder besiegt und christianisiert oder

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gänzlich vernichtet werden sollten. Die »Capitulatio« steht bis
heute als ein schriftliches Zeugnis für die Strategie Karls des
Großen als Reaktion auf die sächsische Opposition Widukinds,
der sich angesichts der fränkischen »Politik der verbrannten
Erde« letztlich zur Kapitulation gezwungen sah.

789 Die im Rahmen der karolingischen Reformpolitik erlassene »Admonitio generalis« (»Generalermahnung«) bestimmt Kleriker
im Frankenreich zum Unterricht für Christen. Die Grundlage für
den Aufbau eines Schulwesens wird auf diese Weise gelegt.
794 Aachen wird zur Hauptresidenz Karls des Großen, die in den folgenden Jahren ausgebaut wird. Die dortige Pfalzkapelle entwickelt sich im Mittelalter in einem Reich, das keine Hauptstadt
hat und von einem umherreisenden Herrscher regiert wird, zum
Krönungsort der Römischen (»deutschen«) Könige.
795 Nach einer ebenso kurzen wie erfolglosen Intervention Karls des
Großen auf der Iberischen Halbinsel wird die Spanische Mark
als Puffer gegen die arabische Bedrohung eingerichtet.
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Feierliche Kaiserkrönung in Rom
25. Dezember Karl der Große wäre an diesem hohen Feiertag
gar nicht erst in die Kirche gegangen, hätte er gewusst, dass
Papst Leo III. ihn zum Kaiser krönen würde – so zumindest be­
schrieb Karls Biograf Einhard den Gang der Ereignisse an diesem
Weihnachtsfest in Rom. In der historischen Forschung sind die
Darstellungen der Kaiserkrönung kontrovers diskutiert worden.
Zweifelsfrei war Karl an der Krönung selbst durchaus gelegen,
doch hätte er sich möglicherweise eine andere Form des Rituals
gewünscht. Kniend vor dem Papst die Krone zu empfangen, be­
deutete zugleich eine Anerkennung päpstlicher Macht bei der
Einsetzung weltlicher Herrscher. Wohl nicht umsonst verlief die
Krönungszeremonie unter Karls eigener Regie entscheidend an­
ders, als er seinen Sohn im Jahr 813 in der Aachener Pfalzka­

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pelle zum Mitregenten erhob und diesen eigenhändig krönte. In
jedem Fall war die Kaiserkrönung Karls ein Akt weitreichender
Bedeutung. Sie stellte – sehr zum Missfallen von Byzanz – das
Kaisertum im Westen in der Nachfolge Roms wieder her, die
Franken traten nun endgültig das Erbe der Römer an.

802 Mit dem allmählichen Ende der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Sachsen und Franken wird das sächsische Volksrecht (»Lex Saxonum«) aufgezeichnet. Ziel der Rechtsaufzeichnung ist es, ein friedliches Zusammenleben zwischen Franken
und Sachsen zu begünstigen.
804 Nach mehr als dreißig Jahren enden die seit 772 mit Unterbrechungen andauernden Sachsenkriege, der längste von Karl dem
Großen geführte Krieg.
814 Bei seinem Tod hinterlässt Karl der Große seinen Nachfolgern ein
beträchtlich gewachsenes, von den zahlreichen – oft im Geist der
antiken Traditionen durchgeführten – Reformen profitierendes
Vielvölkerreich. Seine letzte Ruhe findet der Kaiser in Aachen.
817 Mit der »Ordinatio imperii« (»Reichsordnung«) versucht Ludwig I., der Fromme, die Herrschaftsfolge bereits zu Lebzeiten in
seinem Sinn zu regeln. Die »Reichsordnung« verfügt u. a. ein
Mitkaisertum Lothars I. Dennoch können die Reichsteilungen,
vorgenommen nach germanischem Vorbild, durch die »Ordinatio imperii« nicht verhindert werden – sie  schwächen die karolingische Herrschaft in der Folgezeit weiterhin.
840 Die jüngeren Söhne Ludwigs des Frommen, Ludwig der Deutsche
und Karl der Kahle, schließen sich zu einem Bündnis gegen ihren älteren Bruder Lothar zusammen.

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Ein frühes Zeugnis sprachlicher Verständigung
14. Februar Der fränkische Geschichtsschreiber Nithard, ein
Enkel Karls des Großen, hielt in seinem Werk ein herausragendes
Zeugnis der sprachlichen Verständigung zwischen Germanen und
Romanen fest – die in althochdeutscher (rheinfränkischer) und
altfranzösischer Sprache verfassten »Straßburger Eide«. Durch
diesen Treueschwur bekräftigten die jüngeren Söhne Kaiser Lud­
wigs des Frommen – Ludwig II., der Deutsche, und Karl II., der
Kahle – das Bündnis gegen ihren Bruder Lothar. Während Karl
auf Althochdeutsch (»in teudisca lingua«) seinen Eid leistete, be­
diente sich sein Bruder Ludwig des Altfranzösischen (»romana
lingua«), um auch von den Vasallen des Vertragspartners verstan­
den zu werden. Ludwig gelobte, seinem Bruder in allen Dingen
beizustehen, »so wie man seinem Bruder beistehen soll« (»si
cum om dreit son fradra salvar dist«). Die altfranzösische Version
der Straßburger Eide gilt als das älteste erhaltene Schriftstück in
dieser Sprache.

843 Der Vertrag von Verdun legt den Konflikt zwischen den Söhnen
Ludwigs des Frommen bei. Das Frankenreich wird in drei Teile
aufgeteilt. Lothar I. wird das Mittelreich zugesprochen. Ludwig
der Deutsche erhält das Ostfrankenreich, während Karl der
Kahle das Westfrankenreich regiert. Auf diese Weise bleibt die
Einheit des Frankenreichs ideell gewahrt.
870 Nach dem Tod Lothars I. regeln die überlebenden Söhne Ludwigs
des Frommen im Vertrag von Meersen die Aufteilung Lotharingiens, des fränkischen Mittelreichs.
877 Nach dem Tod Karls des Kahlen zerfällt das Westfränkische Reich
in Fürstentümer. Während Karolinger und Robertiner sich über
mehr als ein Jahrhundert auf dem Thron des Westfrankenreichs
ablösen, können sich die Könige nicht zu einer starken Zentralmacht aufschwingen.
880 Im Vertrag von Ribemont werden die fränkischen Reichsteile abermals neu strukturiert. Ganz Lotharingien fällt an das Ostfran-

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kenreich, während Ludwig III. und sein Erzkanzler Gauzlin Franzien und Neustrien erhalten und Karlmann und Hugo, dem Abt,
Burgund, Aquitanien und Gothien zugesprochen wird.
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Blühendes Handelszentrum an der Schlei
Bis ins ferne Byzanz und nach Schweden entsandten die Wikin­
ger ihre Schiffe von ihrer Siedlung Haithabu an der Schlei, die
sich bis zum Beginn des 10. Jh. zum bedeutendsten Handelszen­
trum im westlichen Ostseeraum entwickelte. Schätzungsweise
1500 Menschen lebten in der Stadt, die nach einem Besuch
­Ottos I., des Großen, 948 zum Bischofssitz erhoben wurde. Der
wirtschaftliche Aufschwung wurde durch die verkehrsgünstige
Lage zwischen dem Frankenreich und Skandinavien sowie zwi­
schen Nord- und Ostsee begünstigt. Stellvertretend für andere
Handelsplätze des Ostseeraums, so das schwedische Birka, zeugt
Haithabu vom kaufmännischen und handwerklichen Geschick der
Wikinger. Vor allem Tonwaren, Glas und Werkzeuge wurden hier
hergestellt. In seiner Blütezeit trafen selbst arabische Reisende
und Händler, mit denen die Wikinger im Orient einen schwung­
haften Sklavenhandel betrieben, in Haithabu ein. Nachdem
Haithabu in der zweiten Hälfte des 11. Jh. von den Slawen ver­
wüstet worden war, verschwand die Handelsmetropole bis zu
­ihrer archäologischen Wiederentdeckung zu Beginn des 20. Jahr­
hunderts.

909/910 Das Kloster Cluny in Burgund wird von Herzog Wilhelm III. gestiftet. In der Folgezeit reformieren die Cluniazenser das benediktinische Mönchtum.
911 Mit dem Tod Ludwigs IV., des Kindes, erlischt die karolingische
Dynastie im Ostfränkischen Reich.

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen
Hohes und spätes Mittelalter
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Rechts des Rheins entwickelte sich ab dem 10.Jh. aus
dem Ostfränkischen Reich
das »Regnum Teutonicum«,
das »Deutsche Reich«. Ottonen, Salier und Staufer stell-

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ten bis ins 13. Jh. die Könige.
Erlangten sie die Kaiser-

würde, beanspruchten sie
eine Vorrangstellung in

­Europa – auch gegenüber
dem Papst.

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Die Herausbildung
des »Regnum Teutonicum«
918 Auf dem Sterbebett bestimmt Konrad I., der 911 nach dem Aussterben der ostfränkischen Karolinger zum König gewählt worden war, den Sachsenherzog Heinrich zu seinem Nachfolger.
Den Ausführungen des Geschichtsschreibers Widukind von Corvey zufolge erklärt der sterbende Herrscher, Heil und Tugend
seien nicht länger mit den Franken, sondern mit den Sachsen.
Durch diesen Akt geht das bisher von den Franken als Nachfolger beherrschte »Reich der Römer« an die Sachsen über (»Translatio imperii«).
919 Vier Monate nach dem Tod Konrads I. wählen die Großen des
Reichs Heinrich I. in Fritzlar zum König. Im Ostfränkischen
Reich beginnt die Herrschaft der Ottonen.
Heinrichs Regierung ist gekennzeichnet durch eine Politik, die auf
Festigung der neuen, ottonischen Herrschaft in Ablösung der
Karolinger abzielt. Mit diplomatischem Geschick wie durch demonstrative Stärke ist der König gezwungen, den Großen im
Reich zu zeigen, dass nunmehr die Sachsen zum königstragenden Volk aufgestiegen sind. Daneben ist der Beginn der ottonischen Herrschaft gekennzeichnet durch eine effektive Sicherung
der Reichsgrenzen, die sowohl durch Einfälle der Normannen
wie auch der Magyaren gefährdet sind.
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Königstreffen auf dem Rhein
7. November Die Mitte des Stroms schien den Königen der geeignete Ort zu sein, um die seit über einem Jahrzehnt schwelenden Streitigkeiten beizulegen. Als die Linie der Karolinger mit
dem Tod Ludwigs des Kindes im Ostfränkischen Reich erloschen
und Konrad I. zum Herrscher erhoben worden war, bedeutete

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen

­ ieser Akt eine tief greifende Zäsur für das karolingische Westd
frankenreich. Im Vertrag von Bonn bemühten sich Heinrich I. und
der westfränkische König Karl der Einfältige um einen Konsens.
Symbolisierte schon der Treffpunkt mitten auf dem Rhein die
Gleichrangigkeit der beiden Monarchen, so erkannten sie in dem
Freundschaftsvertrag ihre legitime Herrschaft wechselseitig an –
und damit ebenso ihre territorialen Besitzungen. Schon wenig
später versicherte sich Karl zumindest der Neutralität der
Schwurfreundschaft, indem er inmitten seiner Auseinandersetzung mit dem westfränkischen Adel eine Handreliquie des heiligen Dionysius an Heinrich schickte.

926 Der Osten des Reiches wird durch Einfälle plündernder Magyaren
bedroht. Gegen Zahlung von Tribut gelingt es Heinrich I., einen
neunjährigen Waffenstillstand zu erwirken. Der König nutzt die
Atempause, um einen systematischen Burgenbau an der östlichen Grenze durchzuführen.
933 Unter Zustimmung der Großen des Reichs auf dem Hoftag in Erfurt stellt Heinrich I. die Tributzahlungen an die Magyaren ein
und provoziert so bewusst einen militärischen Schlagabtausch.
Am 15. 3. besiegt der König die Magyaren bei Riade an der
­Unstrut. Mit sich ins Feld führt er die Heilige Lanze, die ihm Rudolf II. von Hochburgund geschenkt hatte.
935 Der bereits schwer kranke König Heinrich I. erwirkt auf dem Hoftag in Erfurt die Unterstützung der Großen zur Wahl seines ältesten Sohnes Otto zum Nachfolger. Noch zu Lebzeiten gelingt
es ihm damit, die Herrschaft über das Reich erstmals ungeteilt
zu übertragen und die Dynastie der (später nach Otto benannten) Ottonen zu stärken.
936 Ottos Nachfolge wird durch die Großen bereits im Rahmen der
Beisetzungsfeierlichkeiten für König Heinrich I. in Quedlinburg
durch Huldigung bestätigt. Einige Wochen später erfolgt die
Wahl in Aachen, mit der Otto I., der Große, bewusst an die von

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Karl dem Großen begründete Tradition anknüpft. Mit Ottos
Herrschaft, der auf einer durch seinen Vater gefestigten Grundlage regieren kann, beginnt nach Auffassung einiger Historiker
die eigenständige Geschichte eines »Deutschen Reichs« Gestalt
anzunehmen.
Zurückgekehrt nach Quedlinburg, gründet Otto I. das Mauritiuskloster an seinem Lieblingsort Magdeburg. In der Folgezeit baut
der König Magdeburg zu seiner Hauptresidenz aus. Wenig später gelingt es dem neuen König, innerfamiliäre Streitigkeiten um
seine Thronfolge beizulegen und auch die Opposition der Söhne
des verstorbenen Bayernherzogs Arnulf zu brechen.
Wenig später muss sich Otto I. abermals einer Gruppe opponierender Adliger unter Führung seines Bruders Heinrich stellen,
der sich mit den Herzögen Giselbert von Lothringen und Eberhard von Franken verbündet. Die Unterstützung Hermanns von
Schwaben sichert dem König den Sieg bei Andernach am Rhein.
Otto nimmt seinen abtrünnigen Bruder Heinrich daraufhin wieder auf und setzt ihn als Herzog von Lothringen ein. Das vakante
Herzogtum Franken wird unmittelbar der Krone unterstellt.
Heinrich kann sich als Herzog von Lothringen nicht halten. Er
spinnt weiter Intrigen gegen seinen Bruder Otto I. An Pfingsten
wird die nächste, dieses Mal von sächsischen Adligen unterstützte Verschwörung aufgedeckt. Am Weihnachtsfest unterwirft sich Heinrich erneut seinem königlichen Bruder.
Otto I. übergibt seinem Bruder Heinrich das Herzogtum Bayern,
auf das dieser durch sein Ehebündnis mit der Luitpoldingerin
Judith Ansprüche geltend machen kann. Durch eine geschickte
Heiratspolitik gelingt es Otto, alle Herzogtümer in die Hand der
königlichen Familie zu bringen.
Der König zieht zur Unterstützung von Adelheid, der Witwe des
italienischen Königs Lothar, nach Italien. Widerstandslos zieht
Otto I. in Pavia ein und wird dort zum »König der Langobarden«
gekrönt.

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Sieg im Glanz der Heiligen Lanze
10. August Den Magyaren war die Gelegenheit günstig erschienen, um ein weiteres Mal innerhalb kurzer Zeit einen umfangreichen Beutezug nach Westen zu unternehmen. Otto I. schien ihnen nach Niederschlagung des weitreichenden Aufstands, in dem
sich der Süden seines Reiches gegen ihn gestellt hatte, zu
schwach für eine effektive Abwehr. Dennoch gelang es dem Herrscher, Truppenkontingente aus Bayern, Franken und Schwaben
zusammenzuziehen, dem sich noch Kämpfer aus Böhmen anschlossen. Auf dem Lechfeld, südlich von Augsburg, kam es zur
entscheidenden Schlacht, in der gemäß der Tradition der Augsburger Bischof Ulrich wie auch Handwerker aus der Stadt eine
bedeutende Rolle spielten. Die Heilige Lanze, die im Kampf mitgeführt worden war, beflügelte den Ausführungen der Chronisten
zufolge das Heer Ottos. In dreitägigem Kampf wurden die Magyaren vernichtend geschlagen. Die Schlacht auf dem Lechfeld
setzte den jahrzehntelangen Raubzügen der Magyaren ein Ende.
In der Folge wurden diese sesshaft und wenig später christianisiert.

962 Otto I. wird in der Peterskirche zu Rom zum Kaiser gekrönt. Das
Kaisertum im Westen, das in seiner engen Anbindung an das
Papsttum den Blick der Nachfolger Ottos auf die Herrschaft über
Italien und Rom richtete, ohne dass für die damit einhergehenden Belastungen ein institutioneller Ausgleich geschaffen worden war, ist damit erneuert; heraufbeschworen wurde mit diesem Schritt zudem wieder die Konkurrenz zum in Konstantinopel residierenden Kaiser des Byzantinischen Reichs.
Nur wenige Tage später erlässt der Papst eine Enzyklika, in der
Magdeburg zum Erzbistum und Merseburg zum Bistum erhoben wird. Der Bischof von Halberstadt, auf dessen territoriale
Kosten dieser Schritt geht, verweigert sich. Die Umsetzung des
Plans scheitert damit vorerst. Der frischgebackene Kaiser sichert
sich jedoch weitreichende Rechte bei der Papstwahl. Das neue

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Kirchenoberhaupt darf erst nach Ablegung des Treueeides vor
einem kaiserlichen Gesandten geweiht werden. Wenig später
ringt Otto den Römern die Zusicherung ab, dass vor der Wahl eines neuen Papstes künftig die Zustimmung des Kaisers einzuholen ist.
968 Sechs Jahre später als geplant gelingt es Otto I., die Gründung des
Erzbistums Magdeburg auf der Synode von Ravenna durchzusetzen. Die Reichskirche, als deren damals bedeutendste Vertreter
Ottos Bruder Bruno, Erzbischof von Köln, und sein Sohn Wilhelm, Erzbischof von Mainz, gelten, etabliert sich als Stütze der
königlichen Herrschaft.
972	Theophanu, die Nichte des byzantinischen Kaisers Nikephoros
Phokas, wird in Rom mit dem Thronfolger Otto II. vermählt.
973 Otto I. stirbt nach kurzer Krankheit in der Pfalz Memleben und
wird seinem Wunsch gemäß an der Seite seiner ersten Gattin
Editha im Dom zu Magdeburg beigesetzt.
Sein erst 18-jähriger Sohn Otto II. folgt ihm auf den Thron und festigt in der dritten Generation die familiäre Erbfolge. Auch unter
seiner Herrschaft übt der König weiterhin maßgeblichen Einfluss auf die Papstwahl aus. Innerhalb seiner vergleichsweise kurzen Regentschaft bleibt ihm jedoch nur wenig Zeit, von eigener
Hand gefestigte politische Herrschaftsstrukturen zu etablieren.
Durch die Übernahme des alten römischen Kaisertitels hebt der
mit einer Byzantinerin verheiratete Otto II. das westliche Kaisertum gegenüber dem östlichen, byzantinischen im Wert an.
976 In einer spanischen Handschrift lässt sich erstmals die Verwendung der arabischen Zahlen in Europa nachweisen.
978 Auf dem Magdeburger Hoftag wird der Aufstand des Bayernherzogs Heinrich des Zänkers, des Augsburger Bischofs Heinrich
und des Heinrich von Kärnten, bekannt auch als der »Aufstand
der drei Heinriche«, endgültig beigelegt. Durch die Abtrennung
Kärntens und dessen Erhebung zu einem eigenen Herzogtum
soll die zuvor starke Stellung Bayerns geschwächt werden.

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981 Otto II. zieht nach Italien, um gegen die Araber vorzugehen. In
Tarent nimmt er den römischen Kaisertitel an und nennt sich
fortan »Romanorum imperator Augustus«. Die Thronwirren in
Byzanz erlauben ihm, in byzantinischem Territorium weitgehend unbehelligt zu operieren. Der bisher dem byzantinischen
Basileios vorbehaltene Titel wird nunmehr für den deutschen
König als Anwärter auf die Kaiserkrone gebraucht.
983 Ottos II. stirbt infolge einer plötzlich auftretenden Erkrankung
und wird als einziger Kaiser in Sankt Peter in Rom begraben.
Sein Thronfolger, Otto III., ist beim Tod seines jungen Vaters
erst drei Jahre alt, sodass unweigerlich der Streit um die Vormundschaft entbrennt.
Eine wesentliche Rolle bei der Erziehung fällt dabei der Kaiserin
Theophanu zu. Während der Minderjährigkeit ihres Sohnes gelingt es ihr, die Kaiserherrschaft in Italien zu sichern. Zugleich
findet der Aufbau des Reichskirchensystems seinen Höhepunkt.
Dieses ermöglicht Otto III., entscheidenden Einfluss auf die
Papstwahlen auszuüben und seine Kandidaten an die Spitze zu
bringen.
987 Die karolingische Dynastie endet im Westfränkischen Reich mit
dem Tod Ludwigs V. Hugo Capet wird mit Unterstützung des
Erzbischofs Adalbero von Reims zum König gewählt und begründet die Dynastie der Kapetinger.
991 Theophanu stirbt in Nimwegen und wird in Sankt Pantaleon zu
Köln beigesetzt.
994 Otto III. wird im Alter von 14 Jahren mündig und damit auf dem
Hoftag von Solingen regierungsfähig erklärt.
996 Der jugendliche Otto III., der Zeit seines kurzen Lebens von der
»Wiederherstellung des Römischen Reiches« unter deutscher
Herrschaft träumt, zieht mit großem Gefolge von Regensburg
gen Italien. Im Mai wird er vom Papst in Sankt Peter zu Rom gekrönt und führt fortan den Titel »Kaiser der Römer«.

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998 Der Kaiser beginnt mit dem Bau einer Pfalz am Palatin und macht
sich daran, eine Verwaltung nach römisch-byzantinischem Muster aufzubauen. Gleichzeitig greift er die Form metallener Siegel
wieder auf, die sowohl die Karolinger als auch sein Großvater,
Otto I., gebraucht hatten. Seine erste Büste ziert die Frauenbüste
der Roma, umrahmt von der Umschrift »Renovatio imperii Romani« (»Erneuerung des Römischen Reichs«).
999 Der gelehrte Cluniazenser Gerbert von Aurillac besteigt als Papst
Silvester II. den Stuhl Petri. Als einer der ersten Abendländer
hatte er auf der Iberischen Halbinsel das Rechnen mit arabischen
Zahlen kennengelernt. Er konstruiert einen Abakus, mit dessen
Hilfe die im römischen Zahlensystem schwierigen Rechenoperationen von Multiplikation und Division durchführbar sind.
vor 1000 In den Städten entlang dem Rhein entstehen bedeutende jüdische
Gemeinden. Speyer, Worms und Mainz entwickeln sich zu den
geistigen Zentren des abendländischen Judentums.
1000 Der Tag des »Jüngsten Gerichts« den viele Zeitgenossen für den
Jahrtausendwechsel befürchtet hatten, bleibt aus.
Im Zeichen der Erweiterung der Einflusssphäre des Reichs im Osten setzt Otto III. auf die Gründung neuer Bistümer. Vor diesem
Hintergrund erfolgt die Einrichtung der Erzbistümer Gnesen
(1000) und Gran (1001), mit denen zugleich eigene Kirchenprovinzen in Polen und Ungarn entstehen. Otto III. schließt mit Boleslaw Chrobry einen Freundschaftsvertrag. Aus diesem Anlass
erhält Boleslaw eine Nachbildung der Heiligen Lanze, die wie
das angebliche Original einer Kreuznagelreliquie enthält.
1002 Zu Jahresbeginn stirbt der kaum 21-jährige Otto III. kinderlos auf
seinem Zug nach Italien und wird in Aachen beigesetzt – und
nicht in Rom, wie er selbst es sich gewünscht hat.
Angesichts der unklaren Nachfolgesituation ergreift der Bayernherzog Heinrich die Initiative und fordert den unter Führung
des Erzbischofs Heribert von Köln stehenden Geleitzug des kaiserlichen Leichnams in Polling zur Herausgabe der Insignien

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und der Überstellung der Heiligen Lanze auf. Heribert wird
einstweilen als Geisel genommen. Nachdem schließlich auch die
Sachsen einer Nachfolge durch Heinrich zustimmen, kann sich
dieser als neuer Herrscher durchsetzen – er wird der letzte Ottone auf dem Thron.
Heinrich II. setzt die übergeordneten Strukturen der Politik seiner
Vorgänger fort, konzentriert sein politisches Interesse jedoch
weniger auf Italien denn auf das Reich. Nicht einheitlich bewertet wird in der Forschung Heinrichs Haltung zu einer »Renovatio regni Francorum« (»Erneuerung des Fränkischen Reiches«),
die er zumindest in der Umschrift seines Siegels zum politischen
Programm erklärt. Große Bedeutung spielte die Kirchenpolitik,
darunter die Wiedereinrichtung des Bistums Merseburg sowie
die Gründung des Bistums Bamberg als neues Zentrum der Mission im Osten und neue Hauptresidenz des Kaiserpaares.
Heinrichs Frömmigkeit, nicht zuletzt die Kinderlosigkeit der Ehe,
die von den Zeitgenossen als besonderes Zeichen ehelicher
Keuschheit interpretiert wird, führen nur wenige Jahrzehnte
nach dem Tod des Kaisers zu dessen Heiligsprechung. Auch
seine Gemahlin Kunigunde wird in der Folge heiliggesprochen.
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Eine Morgengabe wird zum Bistum
1. November Auf der Reichssynode in Frankfurt am Main nahm
der Plan des Königs reale Gestalt an. Bamberg, der Lieblingsort
Heinrichs II. und Morgengabe seiner Gemahlin Kunigunde, wurde
zum Bistum erhoben. Unproblematisch war dieser Schritt, mit
dem der Herrscher sich ein neues, eigenes Machtzentrum innerhalb des Reiches zu schaffen suchte, allerdings nicht. Immerhin
gehörte der größte Teil des vorgesehenen Bistumsgebiets zum
Gebiet der Würzburger Diözese, ein anderer zum Bistum Eichstätt. Heinrichs diplomatische Bemühungen im Vorfeld der Synode, mit großzügigen Versprechungen den Würzburger Bischof
auf seine Seite zu ziehen, schlugen fehl. Der Oberhirte erschien

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nicht auf der Versammlung und sein eingesetzter Stellvertreter
setzte alles daran, die Stimmung gegen den König anzuheizen.
Heinrich II. hingegen verteidigte sein Vorhaben mit dem Verweis
auf die Notwendigkeit, ein Missionsbistum für den Osten einzurichten und zugleich das Machtvakuum zu füllen, das sich mit
der Unterwerfung Heinrichs von Schweinfurt ergeben hatte. Es
war der Mainzer Erzbischof Willigis, der dem königlichen Plan
letztlich die Zustimmung der Synode zu sichern verhalf. Bamberg
stieg nun zur königlichen Hauptresidenz auf. Das Bistum wurde
in der Folge mit reichen Schenkungen ausgestattet und kurz darauf unmittelbar dem Heiligen Stuhl unterstellt.

1024 Auf dem Höhepunkt seiner Macht erkrankt Heinrich II. schwer
und stirbt in der Pfalz Grona. Beigesetzt wird er seinem Wunsch
gemäß im Bamberger Dom. Mit dem Tod des kinderlos verstorbenen Heinrich II. erlischt das Haus im Mannesstamm. Gemäß
dem Erbrecht gibt es indes potenzielle Thronanwärter, aus denen das Geschlecht der Salier triumphierend hervorgeht.

Dynastiewechsel zu den Saliern
1024 In Kamba wird der 35-jährige Salier Konrad II. von einer Versammlung der geistlichen und weltlichen Großen des Reichs zum
Nachfolger Heinrichs II. gewählt. Das Herrschaftszentrum des
Reichs verschiebt sich nun an den Rhein, wo die Salier um Worms
und Speyer begütert sind. In Speyer wird nur wenige Monate
nach Konrads Thronbesteigung der Grundstein zur Krypta des
Kaiserdoms gelegt, der den Saliern als Grablege dient.
Konrad bleibt für die Dauer seiner Regierung ein rastloser Herrscher. Durch seine Präsenz an den Unruheherden versteht er es,
die Opposition in Schach zu halten. Außenpolitisch zeigt er sich

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als geschickter Diplomat, der Spannungen v. a. in Italien – im
Gegensatz zu zahlreichen anderen Kaisern des Heiligen Römischen Reichs – nicht immer mit Krieg zu lösen weiß.
Tatkraft und hartes Durchgreifen zeichnen den Herrscher aus.
Von besonderer Bedeutung ist seine Gesetzgebung zum Lehenswesen: Die Stellung der Untervasallen, die eine tragende Basis
königlicher Herrschaft sind, wird ausgebaut. Konrad festigt die
zentrale Macht im Reich, das durch den Zuwachs von Burgund
eine herausragende Stellung im Verbund der europäischen Reiche einnimmt. Zugleich gelingt es ihm, die östlichen Reichsgrenzen zu sichern.
Nach dem Tod Rudolfs III. übernimmt Konrad II., wie zuvor im
Vertrag von Basel festgelegt, als König die Herrschaft über Burgund. Mit der Angliederung Burgunds an das Reich regiert Konrad in Personalunion als Erster die drei Königreiche »Deutschland«, »Italien« und »Burgund«.
Konrad II. stirbt in Utrecht, wo seine Eingeweide beigesetzt werden. Der Leichnam findet seine letzte Ruhe in der Vorkrypta des
Domes zu Speyer.
Heinrich III., der Konrad II. auf den Thron folgt, betreibt mit den
Synoden von Sutri und Rom entscheidende Schritte zur Kirchenreform. Unter dem Einfluss des Saliers werden die drei Päpste
Gregor VI., Silvester III. und wenig später auch Benedikt IX. abgesetzt. Nach der Beseitigung des Schismas geht Heinrich daran,
die Vormachtstellung der römischen Familien bei der Besetzung
des Stuhles Petri zu brechen. Der Bamberger Bischof Suitger
wird an Weihnachten als Papst Clemens II. neues Oberhaupt der
Christenheit und krönt Heinrich III. zum Kaiser.
Das »Schisma von 1054« (»Morgenländisches Schisma«) beginnt, als sich die Oberhäupter der Ost- und der Westkirche vor
dem Hintergrund ihres jeweiligen universalen Herrschaftsanspruchs gegenseitig bannen. Damit wird die Christenheit nachhaltig in eine römische und eine orthodoxe Kirche gespalten.

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1056 Der erst sechsjährige Heinrich IV. wird als Nachfolger seines Vaters König. Die Kaiserwitwe Agnes stützt sich während der Unmündigkeit ihres Sohnes auf einflussreiche Berater, darunter
den Abt Hugo von Cluny als Taufpate Heinrichs IV. und den
mächtigen Erzbischof Anno von Köln.
Die Herrschaft Heinrichs steht unter keinem guten Stern. Zeitlebens muss sich der Herrscher gegen eine starke Opposition behaupten. Prägend für seine Geschicke ist der lange Investiturstreit mit den Reformpäpsten. Durch die Auseinandersetzung
mit dem Papst wird die Natur des Königtums selbst infrage gestellt. Der gebannte Heinrich kann durch den Bußgang nach Canossa nur mir knapper Not seiner Absetzung entgehen. Doch
auch in der Folgezeit bleibt seine Position im Reich schwierig,
bis er am Ende seines Lebens durch den Verrat des eigenen Sohnes von diesem gefangen gesetzt wird und kurz nach seiner
Flucht stirbt.
1062 Anno von Köln übernimmt die Führung der Reichsregierung,
nachdem er den jungen Heinrich IV. auf einem Schiff bei Kaiserswerth in seine Obhut gebracht hat.
1065 In Worms findet die Schwertleite Heinrichs IV. statt. Der Trierer
Erzbischof Eberhard erteilt dabei den Segen. Gottfried der Bärtige trägt den Schild für den jungen König. Einige Monate später
übernimmt Heinrich die Regierung. Seine Mutter Agnes zieht
sich zur Buße nach Rom zurück.
1066 Wilhelm der Eroberer, Herzog der Normandie, setzt mit einer gewaltigen Flotte nach England über, um seine Ansprüche auf den
englischen Thron geltend zu machen. In der Schlacht bei Hastings bezwingt er seinen Kontrahenten Harold Godwinson. Wilhelm zieht daraufhin nach London und lässt sich zum König
krönen. Damit begründet er die Herrschaft der Normannen in
England. Die Ereignisse im Umfeld der normannischen Invasion
und der Schacht von Hastings werden in einem kostbaren

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen
Wandschmuck, dem »Teppich von Bayeux«, für die Nachwelt
festgehalten.
In der Schlacht bei Mantzikert erleidet das byzantinische Heer
eine schwere Niederlage gegen die in Kleinasien vorrückenden
Seldschuken. Das Byzantinische Reich erlebt daraufhin eine
schwere innenpolitische Krise.
Der Benediktinermönch Hildebrand besteigt als Papst Gregor VII.
den Stuhl Petri und macht sich daran, die Reform des Papsttums
energisch voranzutreiben. Seine Kampfansage gilt der Simonie,
d. h. der Verleihung geistlicher Ämter gegen Geld, der Priesterehe und der Laieninvestitur, d. h. der Einsetzung in das geistliche Amt durch weltliche Regenten.
Teil von Gregors VII. Reformplänen ist es, den universalen Herrschaftsanspruch des Papstes gegenüber den weltlichen Herrschern durchzusetzen. Dieses legt Gregor im Memorandum
»Dictatus Papae« nieder, demzufolge das Oberhaupt der Kirche
zur Absetzung weltlicher Herrscher berechtigt ist. Mit diesem
Anspruch untergräbt der Papst die Auffassung von einem gottgewollten Königtum, was die Herrscher zu Reaktionen herausfordert. Heinrich IV. gerät dabei in den Mittelpunkt des Konflikts.
Heinrich IV. lässt nach Einberufung einer Reichsversammlung
nach Worms zwei Briefe verfassen, in denen er mit Härte auf das
Memorandum des Papstes reagiert. In dem einen Schreiben ruft
er in seiner Funktion als weltlicher Schutzherr (»patricius«)
Roms die Römer auf, gegen den Papst vorzugehen. Weiterhin
verlangt er von Gregor VII., den Stuhl Petri zu verlassen, auf den
er kein Anrecht habe. In noch schärferem Ton wird das zweite,
direkt an den Papst gerichtete Schreiben formuliert. Darin wird
Gregor als »Hildebrand, nicht mehr Papst, sondern falscher
Mönch« angeredet. Direkt fordert Heinrich IV. Gregor zur Abdankung auf und beschuldigt ihn, durch Gewalt und Simonie zu
seinem Amt gelangt zu sein. Damit beginnt der sogenannte Investiturstreit. In seinem Mittelpunkt steht die Frage, wer zur

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Einsetzung der Bischöfe und Äbte sowie zur zeremoniellen Verleihung von Ring und Stab berechtigt ist.
Die Antwort des Papstes auf Heinrichs Schreiben lässt nicht lange
auf sich warten. Auf der Fastensynode im Lateran wird der König
von Gregor VII. exkommuniziert und für abgesetzt erklärt. Heinrichs Untertanen entbindet der Papst von allen gegenüber dem
Herrscher geleisteten Eiden. Die Fürsten schwören sich daraufhin bei einer Versammlung in Tribur gegenseitig, Heinrich nicht
länger als König anzuerkennen, wenn dieser nicht innerhalb eines Jahres und eines Tages nach dem päpstlichen Bannspruch
wieder in den Schoß der Kirche aufgenommen wird.
1077 In Forchheim wählt eine schwäbisch-sächsische Fraktion mit Rudolf von Rheinfelden den ersten Gegenkönig der deutschen Geschichte – sein Herrschaftsanspruch endet 1080 nach der
Schlacht an der Weißen Elster in Thüringen, in der Rudolf den
Tod findet.
M ei l e n ste in

1077

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Ein König barfuß im Schnee
25. Januar Tagelang soll König Heinrich IV. barfuß und nur mit
dem Büßergewand bekleidet vor der Burg von Canossa ausgeharrt
haben, um Papst Gregor VII. endlich zur Aufhebung des Kirchenbanns zu bewegen. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Im Oktober
des Vorjahres hatte eine Versammlung der Fürsten in Tribur entschieden, dass sich der König bis zum Jahrestag des Bannspruchs von der Exkommunikation lösen müsse, wenn er seiner
Absetzung entgehen wolle. Die Frist nahte heran. Die Versammlung hatte den Papst für den 2. 2. nach Augsburg eingeladen, um
den Streit beizulegen. Drei Tage lang ließ Gregor VII. den König
im Schnee warten, bis er diesen vom Bann löste und mit diesem
Schritt wieder in die Kirchengemeinschaft aufnahm. Maßgeblichen Anteil daran hatte die Fürsprache Mathildes von Tuszien
wie auch des Abtes Hugo von Cluny, des Taufpaten Heinrichs IV.
Der Bußgang nach Canossa wird in der historischen Forschung
sehr unterschiedlich beurteilt. Während manche Historiker die

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen

These vertreten, dass Heinrichs Bußgang nach Canossa einen
nachhaltigen Prestigeverlust königlicher Herrschaft bedeutete,
betonen andere, dass der gebannte König den Papst mit seiner
theatralischen Inszenierung in Wahrheit nur »genarrt« habe.

1085 König Alfons VI. erobert die alte westgotische Hauptstadt Toledo
von den Muslimen zurück und treibt damit die Reconquista der
Iberischen Halbinsel weiter voran.
um 1087 Der aus Nordafrika stammende und nach Italien geflohene Gelehrte Constantinus Africanus stirbt, nachdem er die wichtigsten
medizinischen Werke aus dem Arabischen ins Lateinische übersetzt hat. Damit werden die Wissensschätze aus dem Orient
erstmals im Abendland zugänglich.
1095 Auf dem Konzil von Clermont ruft Papst Urban II. zur Teilnahme
am Kreuzzug auf. Unter dem jubelnden Ruf der Massen, »Gott
will es!«, beginnt der erste Kreuzzug in die Levante. Während
die Ritter ihren langen Marsch sorgfältig vorbereiten, machen
sich die Horden des »Volkskreuzzugs« umgehend auf den Weg.
Die Ritterheere ziehen einige Monate später auf unterschiedlichen Routen los. An ihrer Spitze stehen hohe Adlige, jedoch
kein König.
M ei l e n st e in

1096

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Judenmassaker am Rhein
Frühjahr Der Beginn der Kreuzzüge zum Ende des 11. Jh. bedeutete für die Juden unter christlicher Herrschaft einen tiefen
Einschnitt und bildete den Auftakt zu einer Vielzahl von Pogromen. Viele Zeitgenossen gaben den Juden die Schuld am Kreuzestod Christi. Für diesen Frevel Rache zu nehmen, erschien
­vielen Kreuzfahrern als Teil ihres »gottgewollten« Werkes. Eine
ausschlaggebende Rolle für die Judenmassaker im Umfeld des
ersten Kreuzzuges spielte aber nicht zuletzt die Aussicht auf
Plünderung jüdischer Habe. Nachdem die jüdische Gemeinde

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von Rouen in der Normandie als erste von den Horden des
»Volkskreuzzugs« heimgesucht worden war, traf es im Frühling
des Jahres 1096 die blühenden Gemeinden entlang dem Rhein.
Kaiser Heinrich IV. war zu dieser Zeit aufgrund des Konflikts mit
Welf II. in Italien gebunden. In Speyer gelang es dem Bischof,
die Gewalt abzuwenden und die Juden weitgehend vor Übergriffen zu schützen. Doch in Mainz, Worms und anderen Städten am
Mittelrhein verübten Teilnehmer des Volkskreuzzuges, angeführt
von Graf Emicho von Leiningen sowie dem Prediger Folkmar und
angetrieben von der unheilvollen Kombination aus religiöser Inbrunst und Beutegier, ein Blutbad.

1098 Robert von Molesme gründet das Kloster Cîteaux. Die Zisterzienser treten in ihrer Bedeutung als geistige Richtungsgeber allmählich die Nachfolge der Cluniazenser an, die für die Vorbereitung des ersten Kreuzzuges eine tragende Rolle spielten.
Die Kreuzfahrer erreichen den Vorderen Orient. Nach monatelanger Belagerung gelingt die Eroberung von Antiochia. In Edessa
wird die erste Kreuzfahrerherrschaft eingerichtet.
1099 Im Sommer erobern die Kreuzfahrer Jerusalem und verüben ein
Massaker unter den Einwohnern der Heiligen Stadt. Der Herzog
von Niederlothringen, Gottfried von Bouillon, wird erster lateinischer Herrscher. Nicht letztlich gesichert ist, dass er auf den
Königstitels verzichtete und sich stattdessen »Advocatus sancti
sepulchri« (»Beschützer des Heiligen Grabes«) nennt. Angeblich
will er in der Stadt, in der Christus die Dornenkrone aufs Haupt
gesetzt wurde, keine Krone aus Gold tragen. Gottfried regiert
nur kurz. Sein Bruder Balduin folgt ihm nach und lässt sich in
Bethlehem zum König des Lateinischen Königreichs Jerusalem
krönen.
1105 Heinrich V. nimmt seinen Vater Heinrich IV. auf der Burg Bockelheim an der Nahe gefangen. Auf einer Versammlung in Ingelheim zwingt er ihn wenig später zur Abdankung.

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen

1106 Heinrich IV. kann aus der Gefangenschaft fliehen, stirbt aber
kurze Zeit später in Lüttich. Heinrich V. übernimmt die Herrschaft im Reich. Er ist der erste Herrscher, der seinen Vater absetzt und sich durch die Unterstützung des Papstes zum Herrscher krönen kann. Bei seinem Herrschaftsantritt ist der Investiturstreit noch immer nicht beigelegt. Anfangs setzt der neue
Herrscher den von seinem Vater eingeschlagenen Konfliktkurs
fort, bevor im Wormser Konkordat schließlich eine Lösung gefunden wird. Am Ende seiner Herrschaft ist die Stellung des Königtums stark geschwächt, während besonders im östlichen Teil
des Reichs weltliche wie geistliche Fürsten an Macht gewinnen.
Daneben bereitet die Herrschaft Heinrichs V. dem späteren Aufstieg der Staufer den Weg.
1107 In Frankreich wird der Investiturstreit beigelegt. In England wird
ein Konkordat geschlossen, durch das die Querelen um die Investitur ebenfalls beigelegt werden.
1111 Heinrich V. erklärt im Vorvertrag von Turri und Sutri seinen Verzicht auf das Recht der Investitur. Papst Paschalis II. verpflichtet
sich im Gegenzug, alle Bischöfe und geistlichen Würdenträger
zur Rückgabe der königlichen Rechte und Güter anzuhalten.
um 1119 Unter Führung Hugos von Payns, eines Adligen aus der Champagne, schließen sich Ritter zu einer Gemeinschaft zum Schutz der
Pilgerwege zwischen Jerusalem und der Küste zusammen. König
Balduin überlässt ihnen den sogenannten Templum Salomonis,
die Al-Aksa-Moschee, auf dem Jerusalemer Tempelberg als
Hauptquartier. In der Folge entwickelt sich aus der Gemeinschaft rasch der Orden der Templer.
M ei l e n st ein

1122

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Das Ende des Investiturstreits
23. September Der Papst, und nur er allein, hatte das Recht,
die Investitur der Bischöfe und Äbte mit Ring und Stab vorzunehmen. Im Wormser Konkordat legten Papst Calixt II. und Hein-

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rich V. den schon über Jahrzehnte währenden Investiturstreit formal bei. Der dort formulierte Kompromiss sah vor, dass der König
freie Wahlen und Weihen der Bischöfe und Äbte zuließ und das
Kirchengut zurückerstattete, das er und sein Vater Heinrich IV.
an sich gezogen hatten. Im Gegenzug räumte Calixt II. dem König ein, bei der Bischofswahl anwesend zu sein. Ferner sollte der
Gewählte im Reich noch vor seiner Weihe die sogenannte Regalieninvestitur mit dem Zepter durch den König erhalten. In diesem
Zusammenhang fand erstmals der Begriff »Deutsches Reich«
(»Regnum Teutonicum«) Verwendung, der sich in der Folgezeit
durchsetzte. Jeder Investierte war dem Monarchen zum Königsdienst (»servitium regis«) wie zur Leistung des Treueeides verpflichtet – Bischöfe und Äbte nahmen nunmehr den Rang königlicher Vasallen ein.

1122 Nachdem die Übereinkunft des Wormser Konkordats vor den Toren der Stadt verlesen worden war, löst der Papst den Bann über
Heinrich V. und nimmt den König mit der Feier des Abendmahls
wieder in die Gemeinschaft der Kirche auf.
1125 Heinrich V. stirbt kinderlos in Utrecht, womit die Dynastie der Salier erlischt. Sein Leichnam wird nach Speyer überführt und im
Kaiserdom beigesetzt. Seine Witwe Mathilde kehrt nach England zurück. Sie heiratet den Grafen Gottfried von Anjou. Aus
der Eheverbindung entstammt der spätere englische König
Heinrich II. Der von Heinrich V. auf dem Totenbett zum Nachfolger designierte Herzog Friedrich von Schwaben wird von den
Fürsten nicht unterstützt. Ein vierzigköpfiges Wahlmännergremium wählt stattdessen den 52 Jahre alten, kinderlosen Herzog
von Sachsen, Lothar III., zum König – mit diesem Akt, in dem rivalisierende Fürstengruppen die Thronfolge zu objektivieren
trachten, beginnt der Streit zwischen Welfen und Staufern.

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen

Könige und Kaiser der Staufer
1127 Roger II. gründet in Süditalien das normannische Königreich beider Sizilien.
1138 Nach langem Streit um die Thronfolge wird schließlich Konrad III., der sich als Gegenkönig gegen den 1137 verstorbenen
Lothar III. erhoben hatte, als erster Staufer zum König des Reichs
gewählt. Seine Macht steht auf einer schwachen Grundlage, die
Konrad durch geschickte Heiratspolitik und Förderung etwa der
Städte und Orden wie der Zisterzienser zu stärken sucht. Einen
Mittelpunkt seiner Herrschaft nimmt die Auseinandersetzung
mit den mächtigen Welfen ein, die dem König erfolgreich die
Stirn bieten und an seinen Kräften zehren. Eine zusätzliche
Schwächung bringt die glücklose Teilnahme am zweiten Kreuzzug, in dessen Rahmen sich der Versuch der Eroberung von Damaskus als entscheidender Strategiefehler erweist. Immerhin
gelingt es Konrad, die dynastische Folge zu sichern.
1144 Die Kreuzfahrerherrschaft Edessa wird von den Muslimen unter
Führung des Atabek Zengi zurückerobert. Der Papst ruft in der
Folge zum zweiten Kreuzzug auf.
1146 Der charismatische Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux überredet Konrad III., das Kreuz zu nehmen.
1148 Der Zug ins Heilige Land endet erfolglos. Nachdem die Kreuzfahrer einen Angriff auf Damaskus starten, müssen die unzureichend vorbereiteten Christen die Belagerung aufgeben. Konrad III. reist nach Europa zurück. Heinrich II. wird von Papst Eugen III. heiliggesprochen.
1152 Konrad III. stirbt noch, bevor die Streitigkeiten mit Heinrich dem
Löwen beigelegt sind. Der König wird im Bamberger Dom beigesetzt. Auf dem Königsthron folgt ihm Friedrich I. Barbarossa
nach. Nicht zuletzt durch seine lange Regierungszeit von nahezu
vier Jahrzehnten ist Friedrich I., der Kaiser mit dem »roten Bart«

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(»Barbarossa«), eine der prägendsten Herrschergestalten des
deutschen Mittelalters. Es gelingt ihm durch ebenso kluges diplomatisches Taktieren wie durch politische Stärke, die langjährigen Auseinandersetzungen mit den Welfen beizulegen. Dabei
verbringt der Kaiser einen großen Teil seines Lebens im Sattel,
um sowohl im Reich als auch in Italien die Verhältnisse in seinem Sinn zu ordnen.
Kennzeichnend für die Herrschaft Friedrichs I. ist die Hinwendung zu einem »Heiligen Reich« (»Sacrum Imperium«), die sowohl durch die Überführung der Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln als auch durch den Versuch der Heiligsprechung
Karls des Großen äußerlich Gestalt annimmt. Das »Heilige
Reich«, so wurde mit der Bezeichnung zum Ausdruck gebracht,
sei dabei kein Ableger der »heiligen Kirche«, sondern eine eigenständige, gleichwertige Größe.
Aus dem »Sacrum Imperium«, 1157 erstmals in Urkunden Friedrichs I. Barbarossa erwähnt, entwickelt sich die 1254 erstmals in
den Königsurkunden auftauchende Bezeichnung »Sacrum Romanum Imperium«; in deutscher Sprache tritt dieses »Heilige
Römische Reich« erstmals bei Karl IV. auf. Der Zusatz »deutscher Nation« (»Nationis Germanicae«) ist erstmals 1486 in einem Reichsgesetz belegt und wurde als Gesamtformel ab 1512
gebräuchlich – als Einschränkung der »deutschen Lande« gegenüber den Reichsteilen Italien und Burgund. Bereits im 11. Jh.
aufgekommen war die Bezeichnung »Römischer König« (nicht:
»Deutscher König«) für den noch nicht zum Kaiser gekrönten
König im Heiligen Römischen Reich.
Um regieren zu können, sind die Könige des Heiligen Römischen
Reichs auf die Mitwirkung der großen Reichsfürsten – etwa der
Herzöge von Sachsen, Bayern, Schwaben – angewiesen. Bedingt
durch die föderale Struktur, die das Reich von anderen Monarchien Europas grundlegend unterscheidet, ringen sie mit Landesregenten um die Macht – beginnend bei der Frage, wer in der

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen

»Wahlmonarchie« überhaupt zum König gewählt werden soll
und zu welchen in der »Wahlkapitulation« genannten Bedingungen der Prätendent die Thronfolge antreten kann.
1154 Friedrich I. bricht zu seinem ersten Italienzug auf und wird von
Papst Hadrian IV. zum Kaiser gekrönt. Dennoch werden die
Spannungen mit dem Papsttum ebenso offensichtlich wie die
Konflikte mit den oberitalienischen Städten, die die Kräfte des
Herrschers immer wieder binden.
M ei l e n st e in

1164

Die Heiligen Drei Könige von Köln
23. Juli Ein besonders kostbares Geschenk brachte der Reichskanzler und Erzbischof von Köln aus Italien mit an den Rhein.
Während der Belagerung von Mailand hatte Kaiser Friedrich I.
Barbarossa 1158 die Gebeine der Heiligen Drei Könige, die der
frommen Überlieferung zufolge seit Jahrhunderten in der Kirche
des heiligen Eustorgius ruhten, heben und zunächst in das innerstädtisch gelegene Gotteshaus von Sankt Georg bringen lassen.
Kurz darauf übergab er die wertvollen Reliquien in die Obhut seines Reichskanzlers. Die Symbolkraft, die der Besitz der heiligen
Gebeine der »ersten christlichen Könige« gleichsam programmatisch für das Reich bedeutete, lässt sich kaum überschätzen. Sie
war gegenüber dem Heiligen Stuhl ein deutliches Zeichen von
staufischer Machtentfaltung und ein Herrschaftsverständnis, das
sich auch durch die Hebung der Gebeine Karls des Großen manifestierte. Die Gebeine der Heiligen Drei Könige, für die ein prächtiger, goldener Schrein gefertigt wurde, bescherten Köln in der
Folgezeit Ströme von Pilgern. Der Ansturm der Gläubigen war ein
Grund für den Bau einer neuen, großen Kathedrale.

1165 Nach der von Rainald von Dassel inspirierten Aufhebung der Gebeine Karls des Großen lässt Friedrichs I. Barbarossa den Karolinger durch den Gegenpapst Paschalis II. heiligsprechen. Die
Heiligsprechung wird jedoch nicht allgemein anerkannt.

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1167 Bei der Belagerung von Rom grassiert eine Seuche im Heer Friedrichs I., der viele weltliche und kirchliche Würdenträger zum
Opfer fallen, darunter auch der Kölner Erzbischof Rainald von
Dassel.
1176 In der Schlacht bei Legnano wird das Heer Friedrichs I. Barbarossa von den lombardischen Truppen besiegt, als Friedrichs
Vetter, Heinrich der Löwe, unerwartet seine Hilfe verweigert. In
der Folge kommt es zu Verhandlungen und Friedensschlüssen
zwischen Friedrich und Papst Alexander III. sowie dem Lombardenbund.
1178 bis Heinrich der Löwe, der im Nordwesten des Reichs nach einer kö1181 nigsgleichen Stellung strebende Herzog von Sachsen und Bayern, bleibt eine Quelle der Unruhe im Reich. Der Welfe wird von
seinem Vetter Friedrich I. Barbarossa im Rahmen zweier Prozesse seiner Lehen enthoben.
1179 Das dritte Laterankonzil erlässt umfangreiche Bestimmungen
über den Umgang mit Leprakranken. Diese sollen nicht mit Gesunden zusammenleben, sondern gemeinschaftlich in einem eigenen Haus untergebracht sein. Dazu kommen ein eigenes Gotteshaus sowie ein eigener Friedhof.
Hildegard von Bingen stirbt hochbetagt in ihrem Kloster Rupertsberg. Zeit ihres Lebens hat sie Visionen, die sie ebenso wie ihre
Konzepte zur Krankenbehandlung niederschreibt. Ihre Werke
finden bei den Zeitgenossen weite Verbreitung.
M ei l e n ste in

1184

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Prunkvolle Schwertleite der Königssöhne
20. Mai Es war ohne Frage der glanzvollste Hoftag unter seiner
Herrschaft. Kaiser Friedrich I. Barbarossa nutzte die einstweilige
Ruhe nach Beilegung der Zwistigkeiten in Italien, um nun auch
die schwelenden Unruheherde im Reich zu löschen, und lud
nach Mainz. Höhepunkt des Mainzer Hoftages war die Schwertleite der beiden Söhne Friedrichs I., Heinrichs und Friedrichs,

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen

am Pfingstmontag. Graf Balduin von Hennegau fiel die ehrenvolle
Aufgabe zu, das Schwert in einer feierlichen Prozession zu Erzbischof Konrad von Wittelsbach in den Mainzer Dom zu bringen.
Scharen von Menschen aus dem Reich und den umgebenden
Ländern strömten an den Rhein, um Zeugen des prunkvollen
Schauspiels zu werden. In der Rheinebene hatte der Kaiser eigens eine hölzerne Feststadt errichten lassen, wo Narren, Dichter, Gaukler und Spielleute die Festgäste mit ihrer Kunst erfreuten. Der Hoftag verfehlte seinen Zweck nicht. So kam auch Heinrich der Löwe nach Mainz, um Friedrich I. ein englisches
Bündnisangebot gegen Frankreich zu unterbreiten. Zwar resultierte hieraus keine Versöhnung der beiden Kontrahenten, doch
wies der Kaiser den Bündnisvorschlag nicht von der Hand.

1187 Das größte Heer, das das Lateinische Königreich Jerusalem aufzubieten hat, wird von Sultan Saladin in der Schlacht bei den Hörnern von Hittin in Galiläa nahezu vollständig aufgerieben. Wenig
später fällt Jerusalem in die Hand der Muslime. Der Fall Jerusalems löst den dritten Kreuzzug aus.
1189 Friedrich I. Barbarossa bricht ebenso wie der englische König Richard I. Löwenherz und der französische König Philipp II. Augustus zum Kreuzzug in den Orient auf. Auf dem Zug ertrinkt
der 70-jährige Barbarossa wenige Monate später im Fluss Saleph.
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Im Feldlazarett vor den Toren von Akko
Medizinische Hilfe war während der monatelangen Belagerung
der Hafenstadt Akko durch die von Richard I. Löwenherz und
dem französischen König Philipp II. Augustus angeführten Kreuzfahrer oft vonnöten. Nach den tragischen Ereignissen auf ihrem
Marsch hatte nur ein kleines Kontingent deutscher Kreuzfahrer
das Heilige Land erreicht und an der Eroberung Akkos teilgenom-

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men. Einige von diesen schlossen sich angesichts der Verwundeten, Kranken und Bedürftigen zu einer Spitalbruderschaft zusammen, aus der sich in der Folgezeit der Deutsche Orden entwickeln sollte. Dabei folgte der geistliche Ritterorden dem Beispiel
der Johanniter und Templer. Im Unterschied zu diesen international geprägten Gemeinschaften gehörten dem Deutschen Orden
v. a. Brüder aus dem deutschsprachigen Reichsgebiet an. Das
Hauptspital des Deutschen Ordens in der Levante war kleiner als
das der Johanniter, verfügte jedoch ebenso über Heilkundige zur
Behandlung der Kranken. Nach dem Fall des Heiligen Landes bezog der Orden zunächst ein neues Hauptquartier in Venedig und
verlegte dieses im Jahr 1309 ein weiteres Mal – in die Marienburg in Ostpreußen.

1194 In Jesi in der Mark Ancona erblickt Friedrich II. das Licht der
Welt. Der spätere König und Kaiser besucht das Reich nur selten. Er ist seiner süditalienischen, multikulturellen Heimat verwurzelt, die auch sein Leben maßgeblich prägt. Zu jung, um die
Nachfolge seines Vaters bereits anzutreten, wird er zunächst
zur Schachfigur in einem Spiel unterschiedlicher Interessen.
Kennzeichnend für seine spätere Herrschaft sind sowohl die
Härte, mit denen er seine Ziele verfolgt, wie eine exquisite Bildung auf der anderen Seite. Er fördert die Wissenschaften, in
denen er sich selbst betätigt. Dies bringt ihm in den Augen
feindlich gesinnter Zeitgenossen den Ruf einer unheimlichen
Aura.
Wohl kein zweiter Herrscher ist bereits zu Lebzeiten so zwiespältig beurteilt worden. Für die einen ist er »das Staunen der Welt«
(»stupor mundi«), für die anderen ein unheimlicher Ketzer. Er
korrespondiert mit orientalischen Herrschern über die Falkenzucht und verfasst auf Anregung seines Sohnes Manfred ein eigenes Buch über die Falkenjagd. Gebannt, weil er seinem Eid
entsprechend nicht zum geplanten Zeitpunkt zum Kreuzzug

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um 1200
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Im Schatten von Burgen und Kathedralen
aufbricht, schifft er sich schließlich doch in Richtung auf die Levante ein. Kampflos gelingt es Friedrich, der die arabische Sprache beherrscht, im Vertrag von Jaffa den Sultan al-Kamil zur
zeitweiligen Überlassung Jerusalems zu bewegen. Besonders die
spätere Herrschaftsphase ist geprägt durch eine lang anhaltende
Auseinandersetzung mit dem Papsttum. Friedrich beharrt darauf, dass Gott allein den König bestimmt. Der Kaiser stirbt, ohne
dass der päpstliche Bann gelöst ist.
Bei der Doppelwahl im Heiligen Römischen Reich kann sich
Otto IV. von Braunschweig gegen Philipp von Schwaben durchsetzen, wird jedoch später von dem bayerischen Herzog Otto
von Wittelsbach ermordet.
Im Umfeld des Passauer Bischofs Wolfger von Erla verfasst ein anonymer Dichter das »Nibelungenlied«.
Der Italiener Leonardo Fibonacci macht in seinem Werk »Liber
abbaci« das arabische Zahlensystem im Abendland bekannt.
Friedrich II. wird zum König des Heiligen Römischen Reichs gewählt.
Infolge der verlorenen Schlacht von Bouvines verliert der englische König Johann I. »ohne Land« durch den Frieden von Chinon alle Besitzungen nördlich der Loire einschließlich der Normandie. Nur das Herzogtum Aquitanien (Guyenne) bleibt englisches Lehen auf dem Kontinent und wird in der Folgezeit
mehrfach zum Gegenstand der Auseinandersetzungen zwischen
England und Frankreich. Diese gipfeln in der ersten Hälfte des
14. Jh. im Hundertjährigen Krieg.
In der »Magna Charta« zwingen die englischen Barone Johann
ohne Land, ihr traditionelles Widerstandsrecht anzuerkennen.
Das Dokument mit Verfassungscharakter widmet sich darüber
hinaus Fragen des Lehnrechts.
Das vierte Laterankonzil bestimmt, dass Juden sich durch eine bestimmte Kleidung kenntlich machen müssen. An ihrem Gewand
sollen sie einen gelben Ring tragen.

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1220 Friedrich II. wird zum Kaiser gekrönt.
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um Im Spiegel des Rechts
1224/1225 Das älteste und zugleich wohl bedeutendste Rechtsbuch des
deutschen Mittelalters ist der »Sachsenspiegel« des Eike von
Repgow. Zunächst in lateinischer Sprache verfasst, wurde das
Werk auf Betreiben des Grafen Hoyer von Falkenstein ins Deutsche übersetzt. Damit wurde der »Sachsenspiegel« nicht nur zum
ersten überlieferten Rechtszeugnis in deutscher Sprache, sondern zugleich zum herausragenden Frühwerk der deutschsprachigen Prosaliteratur des Mittelalters. Der »Sachsenspiegel« hielt
das v. a. mündlich weitergegebene Gewohnheitsrecht schriftlich
fest. In seiner ursprünglichen Form umfasste er die zwei Rechtsbereiche des Land- und des Lehnrechts. Das Landrecht regelte
als Recht aller Freien einschließlich der freien Bauern alle
Grundstücks- und Güterfragen wie auch Erbschafts-, Ehe- und
Nachbarschaftsangelegenheiten. Hinzu kamen das Strafrecht und
die Gerichtsverfassung. Demgegenüber bezog sich das Lehnrecht
auf die Rechtsverhältnisse der Stände untereinander sowie die
Königswahl und Verpflichtungen durch Lehen.

1226 Franz von Assisi, der Begründer des Franziskanerordens, stirbt
und wird nur zwei Jahre nach seinem Tod heiliggesprochen.
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1226

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Deutscher Orden in Preußen angekommen
Im März Ein goldenes Siegel, Bulle genannt, prangte unter der
feierlichen Urkunde, die Kaiser Friedrich II. im italienischen Rimini ausstellen ließ. Darin bestätigte der Staufer dem Hochmeister des Deutschen Ordens, Hermann von Salza, und den Brüdern
die Herrschaft über das im heutigen Polen gelegene Kulmerland.
Dieses war dem Orden von Herzog Konrad I. von Masowien überantwortet worden. Vom Kulmerland aus sollten die Ritterbrüder
gegen die heidnischen Preußen in die Schlacht ziehen und diese
unterwerfen. Alle Gebiete, die im Rahmen der Feldzüge erobert

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen

wurden, sollten laut den Bestimmungen der Goldenen Bulle an
den Orden fallen. Zugleich wurde diesem souveräne Herrschaft
über das Eroberungsgebiet nebst eigener Gerichtsbarkeit zugesichert. Damit legte die »Goldene Bulle von Rimini« den Grundstein für die Herausbildung einer Herrschaft des Deutschen Ordens über Preußen. Nicht zuletzt aufgrund der weitreichenden
Machtbefugnisse, die das Dokument dem Orden einräumte, wie
auch der fehlenden Datierung wurde die Echtheit der »Goldenen
Bulle von Rimini« lange Zeit infrage gestellt. Inzwischen wird
diese jedoch allgemein anerkannt.

1229 Friedrich II. krönt sich in der Grabeskirche selbst zum König von
Jerusalem. Durch den Vertrag von Jaffa hat der Kaiser die Heilige
Stadt für einige Jahre für die Christenheit zurückgewonnen.
1231 Durch das »Statutum in favorem principum« wird Heinrich VII.,
der 1220 von den Reichsfürsten zum König gewählte Sohn Friedrichs II., auf dem Hoftag von Worms genötigt, den weltlichen
Fürsten die gleichen Rechte wie den geistlichen zuzugestehen.
Friedrich II. bestätigt das Statut ein Jahr später.
Papst Gregor IX. legt die Durchführung der Inquisition in die
Hände der Bettelorden. Insbesondere die Dominikaner tun sich
in der Folgezeit darin hervor.
1235 Zum ersten Mal wird in deutscher Sprache im Mainzer Reichslandfrieden ein Reichsgesetz erlassen, das auf eine Sicherung der
königlichen Gerichts- und Herrschaftspraxis abzielt.
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Baubeginn an der längsten Baustelle der Welt
15. August Lange war der Plan gereift, nun wurde er in die Tat
umgesetzt. Die kostbaren Gebeine der Heiligen Drei Könige in
Köln sollten ein größeres, würdigeres Haus bekommen. Zunächst
war das Vorhaben kläglich gescheitert, den alten Dom umzubauen und zu diesem Zweck den Ostchor durch einen kontrollier-

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ten Brand abzureißen. Das Feuer zerstörte nahezu den ganzen
Bau, sodass ein neuer Dom errichtet werden musste. Nach den
Plänen des Dombaumeisters Gerhard von Rile ging man ans
Werk. Bei seinen Entwürfen hatte die Kathedrale von Amiens
Pate gestanden. Auch nachdem die Kölner die bischöfliche Oberherrschaft in der Schlacht bei Worringen abgeschüttelt hatten
und der Erzbischof den Dom nur noch selten aufsuchte, ging der
Bau ungehindert voran. Am 27. 9. 1322 wurde der Chor geweiht,
wohin die Reliquien der Heiligen Drei Könige überführt wurden.
Es dauerte jedoch noch nahezu ein Jahrhundert, bis die erste
Glocke im Südturm aufgehängt werden konnte. In der Folgezeit
wurden die Bauarbeiten nur noch schleppend vorangetrieben, bevor sie in der ersten Hälfte des 16. Jh. einstweilen vollends zum
Erliegen kamen. Das Bild des unfertigen Doms prägte vorerst die
Kölner Stadtsilhouette. Erst 1880 wurde der Dombau vollendet.

1250 Mit dem Tod Friedrichs II. löst sich die staufische Herrschaft im
Reich und in Süditalien auf.
1254 Nach dem Tod Konrads IV. beginnt die kaiserlose Zeit des Interregnums. Angesichts der Unsicherheit im Reich kommt es zur
Gründung eines ersten Rheinischen Städtebundes, dem 59
Städte angehören. Nachdem die Fürsten jedoch schon zwei Jahre
später nicht mehr auf der Bundesversammlung erscheinen, zerfällt das Bündnis wieder.
1260 Die Mamluken besiegen die Mongolen bei den Goliathsquellen.
Damit verlieren die Invasoren aus den Steppen Asiens den Ruf
ihrer Unbesiegbarkeit.
1268 Konradin, der letzte Staufer, wird hingerichtet. Mit seinem Tod
endet die Dynastie der Staufer, deren Epoche von der älteren
deutschen Geschichtsschreibung zur »Blütezeit deutscher Kaiserherrlichkeit« geadelt worden ist.
1271 Der venezianische Kaufmannssohn Marco Polo bricht an der Seite
seines Vaters Nicolo und seines Onkels Maffeo zum Mongolen-

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kaiser Kublai-Khan nach China auf. Nach über zwanzig Jahren
kehrt er in seine Heimat zurück und diktiert während seiner Gefangenschaft in Genua seine Erlebnisse einem Mitgefangenen,
der diese in mittelfranzösischer Sprache niederschreibt.

Aufstieg der Habsburger
1273 Mit der Wahl des im Südwesten des Reichs begüterten Rudolfs I.
besteigt der erste Habsburger den Thron des Heiligen Römischen Reichs; seine Wahl beendet das mit dem Tod des Staufers
Konrad IV. begonnene »Interregnum«. Es gelingt dem tatkräftigen Monarchen, die Ordnung und das Gleichgewicht der Kräfte
im Reich wiederherzustellen. Indem er die Herzogtümer Österreich, Steiermark und Krain an seine Söhne verleiht, legt Rudolf
den Grundstock für die Hausmacht der Habsburger im Südosten des Reichs und den Aufstieg seiner Dynastie.
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Neue Hanseniederlassung in London eröffnet
Die Bleiplomben der Tuchballen gaben der neuen Hanseniederlassung in London ihren Namen. Der »Stalhof« sicherte künftig
die Interessen der deutschen Kaufleute im Handel mit den Engländern. Als der englische König Heinrich II. um 1157 einer Vereinigung Kölner Kaufherren umfangreiche Privilegien nebst der
Erlaubnis des ungehinderten Warenhandels in London erteilte,
wurde damit ein wichtiger Grundstein für die Entwicklung der
Hanse gelegt. Wenige Jahre später schlossen sich westfälische,
lübische und sächsische Fernkaufleute, die regelmäßig die Insel
Gotland aufsuchten, zu einer Genossenschaft zusammen. Lübeck
wurde zum »Haupt der Hanse«. Am Ende des 12. Jh. begannen
die Hansekaufleute, deutsche Kaufmannsniederlassungen an den
Zentren ihrer Handelsaktivitäten zu gründen. Der erste dieser

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Auslandsstützpunkte, später Petershof genannt, entstand in Nowgorod. Es folgten der Londoner »Stalhof«, ein Haus in Brügge sowie 1350 die »Deutsche Brücke« im norwegischen Bergen. Wenig später ist in den Schriftstücken erstmals die Rede von den
»Kaufleuten der deutschen Hanse« (»düdesche Hanse«). Während ihrer Blütezeit im 14. Jh. umfasste die vom Kaufmannszum Städtebund avancierte Gemeinschaft rund 200 Städte.

1288 In der Schlacht bei Worringen besiegen die Kölner an der Seite des
Herzogs von Brabant sowie u. a. der Grafen von Jülich, Berg und
Kleve den Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg und seine
Verbündeten. Die Stadt Köln schüttelt die bischöfliche Herrschaft ab. Der Erzbischof kann seine Machtentfaltung in Westfalen nicht weiter fortsetzen.
1291 Mit der Hafenstadt Akko fällt der letzte Stützpunkt der Kreuzfahrer im Heiligen Land.
Die drei Gemeinden Uri, Schwyz und Unterwalden formieren sich
zu einem Bund (»Eidgenossenschaft«) gegen die Expansionsbestrebungen der habsburgischen Landeshoheit.
1302 In der Sporenschlacht bei Kortrijk wird das französische Reiterheer von den Flamen vernichtend geschlagen.
1307 Der französische König Philipp IV., der Schöne, lässt durch einen
Geheimbefehl alle Templer in seinem Reich verhaften. Eine
lange Liste von Anklagen wird gegen die Brüder erhoben. Dazu
zählen u. a. Ketzerei, das Betreiben schwarzer Magie, Götzendienst und Homosexualität. Nach einem spektakulären Prozess
wird der Orden einige Jahre später aufgelöst. Der letzte Großmeister, Jacob von Molay, wird in Paris verbrannt.
1309 Im Rahmen der Templerprozesse lässt sich Papst Clemens V. in
Avignon, an der Grenze zum Königreich Frankreich, nieder. Damit beginnt die »Babylonische Gefangenschaft der Kirche«.
1314 Ludwig IV., der Bayer, obsiegt nach der verhängnisvollen Doppelwahl im Reich gegen seinen Widersacher Friedrich den Schönen.

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen
Die Basis für seine Herrschaft ist schwach. Auf dem Schlachtfeld
vermag Ludwig seine Stellung jedoch zu behaupten, seine Erbund Heiratspolitik festigen die dünne Machtgrundlage zusätzlich. Im Mittelpunkt seiner Politik steht die Förderung der
Städte. Er sieht in ihnen potenzielle Verbündete im Kampf gegen die oppositionellen Fürsten. Wie wenig gefestigt sich die Position des Wittelsbachers letztlich zeigte, demonstriert der
Kampf um die Macht mit den Habsburgern wie den Luxemburgern. Diese gehen am Ende siegreich aus dem Konflikt hervor.
Ein habsburgisches Ritterheer wird in der Schlacht von Morgaten
von der Schweizer Eidgenossenschaft besiegt. In der Folge
wächst die Eidgenossenschaft um zahlreiche weitere Gemeinden wie Zürich, Luzern und Bern an.
Die Streitfragen um die französische Thronfolge, das Herzogtum
Guyenne und die Anerkennung der Lehenshoheit führen zum
Hundertjährigen Krieg. Frankreich wird hart von den Kriegskampagnen getroffen. Erst 116 Jahre später wird der Dauerkonflikt beigelegt.
Der Kurverein von Rhense gibt eine grundlegende Richtline für die
Modalitäten der Königswahl im Heiligen Römischen Reich.
Demnach ist nur eine Wahl durch die Mehrheit der Kurfürsten
rechtens. Der Gewählte soll keiner päpstlichen Bestätigung bedürfen. Einzig der Krönungsakt selbst bleibt dem Papst vorbehalten.
Der Luxemburger Karl IV. wird von den Kurfürsten zum König des
Heiligen Römischen Reichs gewählt. In die Zeit seiner Herrschaft fallen nachhaltige Reformen, darunter die »Goldene
Bulle«, die nicht nur die Rechte und Pflichten des Königs, des
Adels sowie der Städte, sondern auch die Modalitäten der
­Königswahl durch die sieben Kurfürsten festschreibt. Karl, ein
hochgebildeter, in Frankreich sozialisierter Herrscher widmet
sich intensiv dem Ausbau seiner Hausmacht in Böhmen; besonders Prag baut er – als erste Residenz des Heiligen Römischen

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Reichs, das (anders als die westeuropäischen Monarchien) keine
Hauptstadt besitzt – prachtvoll aus. 1355 zum Kaiser gewählt,
gelingt es ihm ­– als erster Herrscher seit den Staufern – seinen
Sohn Wenzel zum Nachfolger wählen zu lassen (1376).
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Die erste Universität auf dem Boden des Reichs
7. April Vergleichsweise spät wurde mit der »Alma mater Carolina« in Prag die erste Universität im Heiligen Römischen Reich
gegründet. Die Hochschulen in Bologna oder Padua, Montpellier
oder Oxford blickten zu dieser Zeit bereits auf eine mehr als hundertjährige, ruhmreiche Geschichte zurück. Mit der Universitätsgründung setzte Karl IV. ein weiteres Glanzlicht in seiner aufblühenden Residenzstadt Prag. Die Organisation der Hochschule orientierte sich am Vorbild von Paris. Der Lehrbetrieb widmete sich
vier Fakultäten: der juristischen, der theologischen, der medizinischen sowie der Artistenfakultät. Wie an anderen mittelalterlichen Universitäten waren die Studierenden auch in Prag nach ihrer geografischen Heimat in vier verschiedene »Nationen« (»nationes«) geteilt. So gab es eine böhmische, eine polnische, eine
bayerische und eine sächsische Nation. Die an der Hochschule
von Beginn an zahlenmäßig am stärksten vertretene böhmische
»Nation« erwirkte 1409 von König Wenzel IV. im Kuttenberger
Dekret eine Privilegierung, die ihre Stimmen mit denen der drei
übrigen »Nationen« aufwog. In der Folge kehrten zahlreiche Studenten und Professoren der sich benachteiligt fühlenden »Nationen« Prag den Rücken.

1348 Mit dem Schwarzen Tod bricht ein Massensterben bislang unbebis 1352 kannten Ausmaßes über Europa herein. Die Seuche bildet den
Auftakt zu einer langen Reihe verheerender Pestepidemien, die
die Städte in der Folgezeit immer wieder heimsuchen sollten.
Viele Zeitgenossen glauben, durch Frömmigkeitsbezeigungen
die durch göttlichen Zorn heraufbeschworene Seuche abwenden zu können. Diese Auffassung vertreten auf spektakuläre

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen
Weise die »Geißler«, die in großen Scharen durch das Land ziehen, Bußpsalmen singen und sich selbst mit Geißeln peitschen.
Der Heilige Stuhl gebietet dem Treiben, das die Stimmung zusätzlich anheizt, schließlich Einhalt. Die Ärzte sind machtlos gegen den Schwarzen Tod. Sie erklären das Phänomen mit schlechten Ausdünstungen (Miasmen) in Kombination mit einer ungünstigen Planetenkonstellation.
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1348

Der apokalyptische Reiter in Europa
Begonnen hatte der Schrecken im Frühjahr 1347 in der genuesischen Handelsniederlassung Caffa, dem heutigen Feodosia, auf
der Krim. Caffa wurde von den Tartaren belagert, in deren Heer
plötzlich rätselhafte Todesfälle auftauchten. Doch die Belagerer
zogen nicht unverrichteter Dinge ab: Sie schleuderten die Körper
der Toten in die belagerte Stadt, in der rasch das Seuchensterben einsetzte. Der Schilderung des Chronisten Gabriele de Mussis nach schleppten Schiffsbesatzungen aus dem verseuchten
Caffa den Schwarzen Tod in Italien ein. Sich seinen Weg nordwärts bahnend, erreichte der Schwarze Tod im Sommer 1349
den Oberrhein. Zahlreiche deutsche Städte wurden in den folgenden Monaten nahezu entvölkert. Anderen wie Würzburg, wohl
auch Augsburg und München, blieb dieses Schicksal aus noch
ungeklärten Gründen erspart. Im Umfeld des unerklärlichen Massensterbens tauchte v. a. im deutschsprachigen Reichsgebiet das
Gerücht auf, Juden hätten die Brunnen vergiftet und so den
Schwarzen Tod ausgelöst. Noch bevor die Seuche überhaupt ausbrach, wurden die jüdischen Einwohner in den meisten Städten
des Deutschen Reichs Opfer der blutigsten Pogrome vor dem Holocaust.

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Der König und die Kurfürsten
10. Januar Das Ringen um die Modalitäten der Königswahl im
Heiligen Römischen Reich hatte in der prächtigen Urkunde ein

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für alle Parteien rechtlich bindendes Ende gefunden. Die »Goldene Bulle« bestimmte die Bischöfe von Köln, Mainz und Trier,
den Markgrafen von Brandenburg, den Herzog von Sachsen, den
Pfalzgrafen bei Rhein sowie den König von Böhmen zu den sieben Kurfürsten und bestätigte zugleich die dynastische Erbwahl.
In aller Ausführlichkeit wurden das Wahlverfahren wie auch die
Wahlordnung festgelegt. Dies begann bei den Modalitäten für das
Geleit der Kurfürsten, setzte sich mit Bestimmungen zur Einberufung und der Sitzordnung sowie Fragen der Stimmmehrheit
fort. Frankfurt am Main wurde als Wahlort festgeschrieben. Die
Bedeutung der »Goldenen Bulle« war nachhaltig: Als erstes
reichsumfassendes Gesetz regelte sie bis zum Ende des Alten
Reiches 1806 verbindlich die Formalitäten der Wahl zum König.
Daneben legte die »Goldene Bulle« u. a. eine Reihe von Verfügungen zum Zoll- und Münzwesen fest.

1368 In Augsburg sichern sich die Handwerker infolge eines Zunftaufstandes politische Mitsprache im Stadtregiment. Sie setzen die
Aufstellung einer Zunftverfassung nach dem Beispiel anderer
Städte durch. Hans Fugger aus dem Lechfelddorf Graben lässt
sich in Augsburg nieder. Der Weber legt den Grundstein für den
beispiellosen Aufstieg der Familie zu den wohlhabendsten Kaufleuten in Europa.
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Die Macht der Hanseaten
24. Mai Es ging um nicht weniger als die dänische Thronfolge.
Fern von Kaiser und Hof nahmen die Hanse und ihr Haupt Lübeck im bewaffneten Konflikt mit dem dänischen König Waldemar IV. Atterdag eine Rolle als Kriegspartei ein, die es ihnen ermöglichte, im Frieden von Stralsund eigenständig zu handeln.
Nachdem Waldemar ein gutes Jahrzehnt zuvor auf der Insel Gotland gelandet war und den bedeutenden Handelsplatz Visby eingenommen hatte, fürchtete die Hanse angesichts des dänischen
Expansionsdrangs um ihre wirtschaftlichen Interessen in der Ost-

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see. Der Krieg zwischen Dänen und Hanse begann. Dieser trat
1367 in seine entscheidende Phase, als die Hanseaten in der
Kölner Konföderation ein Militärbündnis gegen das Königreich
Dänemark begründeten und Waldemar IV. Atterdag in die Knie
zwangen. Im Frieden von Stralsund wurde der Hanse nach dem
Tod des Herrschers das Recht auf Mitsprache bei der dänischen
Thronfolge verbrieft. Darüber hinaus erlangten die Hanseaten die
Kontrolle über die für den Handel in der Ostsee strategisch wichtigen Schlösser am Öresund, auch wenn Gotland einstweilen in
dänischer Hand blieb.

1378 Im großen »Abendländischen Schisma« zerfällt die Einheit der
katholischen Christenheit für mehrere Jahrzehnte in verschiedene Obödienzen. Während Frankreich und seine Anhänger den
Papst in Avignon anerkennen, folgen das Heilige Römische
Reich und seine Verbündeten dem Papst in Rom. Schließlich
wählt das Konzil von Pisa noch einen dritten Papst.
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Städte verteidigen ihre Freiheit gegen die Fürsten
20. März Es war eine Frage der Macht, als sich die Städte
Straßburg, Speyer, Worms, Mainz, Frankfurt und Hagenau zum
zweiten Rheinischen Städtebund zusammenschlossen. Das
Bündnis, das den Zweck hatte, städtische Souveränität gegen die
wachsenden Ansprüche v. a. der Landesherren zu sichern, war
ebenso kurzlebig wie sein Vorgänger. Der erste Rheinische Städtebund, dem 59 Städte angehört hatten, hatte sich nach kaum
drei Jahren 1257 in Wohlgefallen aufgelöst, als die Fürsten die
Bundesversammlungen nicht mehr besuchten. Kaum länger hatte
der zweite Rheinische Städtebund Bestand. Noch im Jahr seiner
Gründung verschmolz er mit dem Schwäbischen Bund zum großen Süddeutschen Städtebund. Nach erbitterten Kämpfen gegen
die Fürsten behielt der Adel schließlich die Oberhand und schlug
die verbündeten Städte 1388. Im Landfrieden von Eger erwirkten
die Fürsten und Herren schließlich das Verbot der Städtebünde.

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1386 Bei Sempach wie auch zwei Jahre später bei Näfels siegt das Heer
der Schweizer Eidgenossenschaft über die Habsburger.
Die Universität Heidelberg wird gegründet; nach Prag (1348) und
Wien (1365) ist sie die drittälteste Universität im Heiligen Römischen Reich.
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Niederlage gegen die Osmanen
25. September Den taktischen Fehlern und dem Leichtsinn
folgte die Niederlage des deutsch-ungarisch-französischen Heeres. Johann ohne Furcht, der Sohn Herzog Philipps des Kühnen
von Burgund, führte das französische Truppenkontingent an. In
maßloser Selbstüberschätzung bestand er darauf, den ersten
Schlag gegen die Osmanen ohne das durch Sigismund von Luxemburg befehligte deutsch-ungarische Heer zu führen. Blindlings liefen die Franzosen in die Falle, die Sultan Bayezid ihnen
gestellt hatte. Nicht besser erging es darauf dem geschwächten
deutsch-ungarischen Heer. Während Johann ohne Furcht in osmanische Gefangenschaft geriet und für ein hohes Lösegeld
freigekauft werden musste, gelang Sigismund mit knapper Not
die Flucht per Schiff über die Donau. Angesichts der schweren
Niederlage sahen sich die christlichen Reiche vorerst außerstande, dem Vordringen der Osmanen auf dem Balkan Einhalt
zu gebieten.

1400 Mit Wenzel wird erstmals ein König des Heiligen Römischen Reichs
abgesetzt. Die vier rheinischen Kurfürsten werfen ihm Untätigkeit und die Vernachlässigung der Reichsangelegenheiten vor.
Als sein Nachfolger wird Ruprecht von der Pfalz eingesetzt.
1402 Vor Helgoland gelingt es der Hanse, die Hauptleute der sogenannten Vitalienbrüder gefangen zu nehmen, darunter vermutlich
Klaus Störtebeker. Die Piraten werden in Hamburg geköpft. Im
Lauf des 15. Jh. laufen flämische und englische Kaufleute (»merchant adventurers«) den Hanseaten auf See allmählich den Rang
ab.

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Im Schatten von Burgen und Kathedralen

1410 Der zweite Sohn Karls IV., Siegmund, wird zum König des Heiligen Römischen Reichs gewählt.
Der Deutsche Orden unterliegt in der Schlacht bei Tannenberg,
einer der größten Schlachten des Mittelalters, gegen ein polnisch-litauisches Heer. Im ersten Thorner Frieden (1411) kann
der Deutsche Orden sein Territorium jedoch behaupten.
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1414

Zu viele Päpste auf dem Stuhl Petri
5. November Kriege und die drohende Spaltung der Christenheit
waren die nicht länger hinnehmbaren Folgen des »Abendländischen Schismas«, das das unter der Schirmherrschaft Siegmunds
von Luxemburg nach Konstanz einberufene Konzil zu beenden
trachtete. Mit Gregor XII., Benedikt XIII. und Johannes XXIII. beanspruchten gleich drei Päpste den Stuhl Petri für sich. Im April
1415 verabschiedete das Konzil ein Dekret, in dem es die Oberhoheit über den Papst verkündete und infolgedessen zunächst
Johannes XXIII. absetzte. Einige Monate später konnte die Versammlung auch Gregor XII. zum Rücktritt bewegen. Dieser hatte
das Konzil zwar nicht anerkannt, sich zwec